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Buchpreisverdächtig: Der Roman „Fliehkräfte“ von Stephan Thome

| Reinhard Stiehl

Es ist erst sein zweiter Roman, aber schon der erste („Grenzgang“) stand 2009 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Heute, zwei Tage vor Beginn der Frankfurter Buchmesse 2012, wird der Preis wieder verliehen. Mit seinem neuen Roman „Fliehkräfte“ hat Stephan Thome dieses Mal die besten Chancen, ihn auch zu gewinnen. Und falls nicht: Das Scheitern ist sein Lieblings-Thema.

Thomas Weidmann und Hartmut Hainbach haben eins gemeinsam: Beide haben an der Freien Universität (FU) in Berlin studiert – und beide sind gescheitert. Aber während der eine, Weidmann, sein Dasein als Gymnasiallehrer im Hessischen „Hinterland“ (es heißt wirklich so) fristet, hat es der andere, Hainbach, wenigstens zum Professor gebracht. In Bonn …

Weidmann ist der Held des ersten Romans von Stephan Thome: „Grenzgang“ (2009); Hainbach der seines zweiten: „Fliehkräfte“ (2012).

Fliehkräfte

Beide Romane sind in einer Sprache verfasst, die eher auf einen erfahrenen Autor schließen lässt, Max Frisch oder Martin Walser. Stephan Thome ist erst 40, aber er schreibt über Männer, die älter sind als er. Weidmann, der Gymnasiallehrer aus „Grenzgang“, ist seinem Erfinder 7 Jahre voraus, und Hainbach, der Bonner Professor, sogar 18 Jahre. Es scheint, als wäre Stephan Thome, der Autor, „gefühlt“ älter als er in Wirklichkeit ist, so gut kann er sich in die Gedanken und Empfindungen seiner Figuren hinein denken.

Stephan Thome heißt eigentlich Schmidt. Der deutsche Allerweltsname. Warum er sich aber ausgerechnet „Thome“ genannt hat, gehört zu den Geheimnissen seiner Biografie; ebenso, ob er verheiratet ist, Kinder hat usw. – Der Autor ist ein weitgehend unbeschriebenes Blatt im Buchmarkt. Es scheint, als fülle er die Blätter lieber mit den zwar fiktiven, aber autobiografisch anmutenden Geschichten. Fast 500 Seiten stark sind seine beiden bisher erschienen Romane und sie gehören zum Besten, was die deutschsprachige Literatur in den letzten Jahren hervor gebracht hat.

Bildungsbürger, Beamter, Biedermann

Sein jüngster Roman ist allerdings nicht unumstritten im Feuilleton. Während F.A.Z. und Süddeutsche Zeitung ihn loben und des Deutschen Buchpreises für würdig halten, findet die ZEIT: „Mit preiswürdiger Literatur hat das alles aber nichts zu tun.“

Die beiden Biedermänner aus Biedenkopf und Bonn, die Stephan Thome in seinen Romanen beschreibt, sind wahrlich keine Helden, sondern spießige Bildungsbürger. Genau wie der Autor, möchte man meinen, wenn man Thome auf Fotos sieht und in Interviews erlebt. Ein höflicher Mann, Markenzeichen weißes Hemd unter schwarzem Pullunder, früh ergrautes Haar zu jungenhaftem Gesicht, braune hellwache Augen, bei denen sich das linke Augenlid manchmal unkontrolliert langsam schließt. Typ evangelischer Theologe mit Tinnitus. Neuerdings mit legerem Jackett und zwei (!) offenen obersten Knöpfen am weißen Hemd.

Abbildung Stephan Thome

Die Ähnlichkeit des Autors mit seinen Protagonisten scheint offensichtlich. Oder narrt er uns alle mit seiner eigenen bürgerlichen Fassade?

Auch Stephan Thome hat an der FU in Berlin studiert: Philosophie, Religionswissenschaften und Sinologie. Wie Weidmann in „Grenzgang“ stammt auch Thome aus dem hessischen Biedenkopf, das im Roman Bergenstadt heißt; und wie Hainbach in „Fliehkräfte“ ist auch Thome ein Philosoph. In seiner eigenen Biografie folgt auf das Studium, das er 2004 mit einer Dissertation über „Interkulturelle Hermeneutik und die Herausforderung des Fremden“ abschließt, allerdings kein Leben in Biedenkopf oder Bonn, sondern in Taipeh. Das klingt schon exotischer und würde gut zu einem geheimnisumwitterten Schriftsteller-Image passen. In einem Interview hat der Autor allerdings schnell klar gestellt, dass sein Weggang ausschließlich berufliche Gründe hatte. Er suchte einen Job, was als Philosoph und Sinologe nicht eben einfach ist, und fand ihn schließlich 2005 bei der Academia Sinica (lat. für „chinesische Hochschule“) in Taiwan. Die Idee für seinen ersten Roman hatte er da schon. Seit 2011 lebt Stephan Thome wieder in Deutschland. Und wie es scheint, lebt er vom Schreiben.

Berlin, Bologna, Bonn

Die Handlung um Hartmut Hainbach ist schnell erzählt: Der Herr Professor nimmt seine Krise – zwar erst mit 58, aber er war schon immer ein Spätzünder. Das Angebot eines aufstrebenden Berliner Verlages, eine neue wissenschaftliche Buchreihe aufzubauen, erzeugt bei dem frustrierten Philosophen, der für diese letzte berufliche Chance seines Lebens seine Professur nebst Rentenansprüchen aufgeben müsste, jene Fliehkräfte, die dem Roman seinen Titel gaben. Zudem ist Hainbach im sogenannten Bologna-Prozess ein Opfer auf Täterseite. Zur Erinnerung: Der Bologna-Prozess von 1999 soll die wissenschaftlichen Standards und Abschlüsse europäischer Universitäten und Hochschulen vereinheitlichen und beschleunigen – Bachelor und Master. Man könnte auch sagen: wirtschaftskompatible Turbo-Absolventen statt gesellschaftskritischer Persönlichkeiten. Prof. Hainbach leidet als Beamter darunter, Bologna in Bonn umsetzen zu müssen.

Noch mehr leidet er aber unter dem Umzug seiner portugiesisch stämmigen Frau Maria von Bonn nach Berlin. Während er selbst an einer Hauptstadt-Professur scheiterte, bringt es Maria zur schlecht bezahlten Assistentin eines durchgeknallten Berliner Theater-Regisseurs. Erschwerend kommt hinzu, dass Falk (der Regisseur) früher einmal der Geliebte von Maria war, bevor sie ihn für Hartmut verließ. Und eine Wochenendbeziehung ist nicht das, was sich Hartmut unter seiner Ehe vorgestellt hat. Erst recht nicht, seitdem Tochter Philippa aus dem Haus ist und in Santiago de Compostela studiert. Zur Erinnerung: Der nordspanische Stadt ist das Ziel des Jakobsweges, den jährlich abertausende von Pilgern zurücklegen, um sich selbst zu finden.

 

Auch Prof. Hainbach ist dann plötzlich mal weg, allerdings nicht per Pedes, sondern mit dem Mercedes; und nicht auf den Spuren von Hape Kerkeling, sondern über Umwege. Was ihm auf dieser Fahrt widerfährt, bildet die Rahmenhandlung des Romans. Seine Route führt ihn zuerst nach Paris, wo er seine erste große Liebe und heute noch gelegentliche Geliebte Sandrine trifft; dann in die Region Bordeaux, wo sein Freund und Ex-Kollege Bernhard eine Strandbar betreibt, nachdem er seine Professur hingeworfen hat und ganz aus dem Wissenschaftsbetrieb ausgestiegen ist; und schließlich nach einem unfreiwilligen Zwischenstopp inkl. missglückter Anhalterin-Affäre über Santiago d.C. und Lissabon nach Porto, wo er seine Frau Maria wiedertrifft und wo seine Reise an einem schäbigen Vorortstrand endet. Wie, das sei hier nicht verraten, denn die Geschichte nimmt noch eine unerwartete Wendung.

Belebende biografische Brüche

Die gekonnte Komposition des Romans aus Gegenwart und Rückblenden und vor allem die Sprache begeistert, besonders in ihren Dialogen, Beschreibungen und Vergleichen. Die Brüche in einer Biografie sind auch bei einem Biedermann und Bildungsbürger weitaus interessanter als die geschönte Vita einer Bewerbung. Für diese Brüche hat Stephan Thome einen scharfen, untrüglichen Blick: in der Landschaft wie im Lebenslauf.

Er selbst nennt sein Buch einen Reiseroman. Eine maßlose Untertreibung. Es sei denn, man würde „Montauk“, das Meisterwerk von Max Frisch, das Hartmut Hainbach nicht zufällig im Gepäck hat, als Reiseerzählung abtun. Noch stärker als an Montauk erinnert „Fliehkräfte“ an eine Kurzgeschichte von Max Frisch, die er in seinem „Tagebuch 1966-1971“ veröffentlichte: „Skizze eines Unglücks“. Ein Chirurg steuert mit seiner Freundin auf dem Weg durch Frankreich nach Spanien in einen absehbaren, für die Frau tödlich endenden Unfall. Ähnliche wie Hartmut und Maria in Thomes’ „Fliehkräfte“ scheitern auch Viktor und Marlies in Frischs’ „Skizze“ an ihrer Unfähigkeit zu kommunizieren. Marlies verunsicherte ihn mit ihrer ständigen Frage: „Bist du sicher?“ Und Viktor war sich ganz sicher, dass er Vorfahrt hatte.

In „Fliehkräfte“ findet Stephan Thome dafür die richtigen Worte:

Das nennt man Kommunikation, von lateinisch communicare: gemeinsam machen, teilen, mitteilen, Anteil haben. Optimisten sprechen auch von Zwischenmenschlichkeit, ohne die beängstigende Größe dessen zu beachten, was dazwischen liegt.

„Fliehkräfte“ füllt genau diesen Zwischenraum. Ein großer Roman, auch wenn er heute um 18.55 Uhr bei der Bekanntgabe des Buchpreis-Gewinners 2012 in Frankfurt scheitern sollte.