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Das letzte Aufbäumen – Black Sabbath gelingt mit „13“ ein großartiges Alterswerk.

| Reinhard Stiehl

Es war Freitag, der 13., als die britische Band Black Sabbath im Februar 1970 ihre gleichnamige erste LP veröffentlichte. Ihr neues, 2013 erschienenes und vermutlich finales Album trägt den Titel „13“. Der Kreis schließt sich, denn das letzte Stück auf „13“ endet wie das erste auf „Black Sabbath“ einst begann: mit Donnerwetter und Totengeläut. Musikalisch knüpft „13“ an die beste Zeit der Band an, die 1970 ein neues Genre erfand: Heavy Metal.

1969: die Beatles haben sich getrennt, die Rolling Stones zeigen „Sympathy for the devil“ und beschwören die Apokalypse mit „Gimme shelter“. In der Rockmusik ist eine eine neue Ära angebrochen; es entsteht etwas neues, härteres mit Bands wie Led Zeppelin, Deep Purple, Grand Funk Railroad und – Black Sabbath. Aber während die anderen Bands den Rock’n’Roll „hard“ machen, geht Black Sabbath einen Schritt weiter und macht ihn „heavy“.

Diese „Schwere“ (auch im Sinne von Tiefe) unterscheidet Black Sabbath von Anfang an. Woher genau der Begriff „Heavy Metal“ stammt, ist bis heute umstritten – Black Sabbath kann immerhin für sich in Anspruch nehmen, dass sich die Band im Zentrum der damaligen Schwermetallindustrie-Stadt Birmingham gegründet hat, das über Jahre auch das Zentrum des „Heavy Metal“ blieb.

Schwere Jungs, v.l.n.r.: „Geezer“ Butler, Tony Iommi, Bill Ward, „Ozzy“ Osbourne (Black Sabbath in den 70ern)

Alle vier Band-Mitglieder von Black Sabbath stammen aus Birmingham, zwei von ihnen aus dem Stadtteil Aston, der im II. Weltkrieg von deutschen Luftangriffen zerbombt wurde. „Geezer“ und „Ozzy“ waren Nachkriegskinder und wuchsen zwischen Ruinen auf, die in England – anders als in Deutschland – oft erst in den 60er Jahren aus dem Stadtbild verschwunden waren.

Das alles ist weit über 40 Jahre her. Heute gehen die Rock-Stars der frühen 70er auf die 70 zu, sofern es sie nicht schon hinweg gerafft hat.

Rock’n’Roll ist alt. Rock’n’Roll sieht aus wie Keith Richards

Das schrieb Philipp Oehmke im SPIEGEL 22/13 in seiner lesenswerten „13“-Rezension „Kranke Monster“. Aber während der Rolling-Stones-Gitarrist sein zerfurchtes Gesicht nur noch zur Show trägt und dahinter ein vergleichsweise gesundes Leben führt, hat es Tony Iommi, den Gitarristen und Kopf von Black Sabbath, 2012 richtig erwischt: Lymphdrüsenkrebs, unheilbar. Iommi wechselt zwischen Studio, Bühne und Chemotherapie hin und her und hofft, so lange wie möglich noch den „Iron Man“, das musikalische Markenzeichen der Band, geben zu können.

Tony Iommi (65)

Aber der Sohn italienischer Einwanderer ist zäh. Noch bevor seine Karriere als Gitarrist überhaupt begann, sägte er sich bei der Arbeit in einer Stahl- und Walzblechfabrik zwei Fingerkuppen von seiner rechten Hand ab. Iommi ist Linkshänder, rechts ist seine Greifhand auf der Gitarre. Normalerweise bedeutet ein solcher Unfall das Ende. Aber sein Chef schenkte ihm eine Platte von Django Reinhardt, der mit zwei Fingern einer der besten Jazz-Gitarristen der Welt wurde. Iommi bastelte sich zwei künstliche Fingerkuppen und lernte mit ihnen zu greifen. Er benutzte dünnere Banjo-Saiten und stimmte die Gitarre um drei Halbtöne von E auf Cis herab, damit die Saiten weniger gespannt waren. Bassist Butler tat es ihm gleich. Dieses „Herabstimmen“ der Gitarren wurde zum Erkennungsmerkmal in der Musik von Black Sabbath, das später von zahlreichen Heavy-Metal-Bands kopiert, aber nie erreicht wurde.

And then there were three

Bill Ward, der Schlagzeuger, ist der einzige der vierköpfigen Grundformation, der auf dem neuen Album „13“ nicht mehr mit dabei ist. Ob er nun selbst quittierte oder raus geworfen wurde, darüber scheiden sich die Geister. Tatsache ist, dass Ward, der schon in frühester Jugend gemeinsam mit Led-Zeppelin-Drummer John Bonham in Birmingham um die Häuser zog und wie Bonham, der bereits 1980 im alter 32 Jahren starb, zum unheilbaren Alkoholiker wurde und nun sowohl geistig als auch körperlich nicht mehr beweglich genug für die neuen Studioaufnahmen war. Aus den zahlreichen Fotos auf der offiziellen Website von Black Sabbath hat man Bill Ward inzwischen kurzerhand herausgeschnitten.

„Ozzy“ Osbourne (64)

Der, dem man es eigentlich am wenigstens zugetraut hatte, sich überhaupt noch auf den Beinen halten zu können, überrascht einmal mehr durch seine unglaubliche Präsenz: John Michael genannt „Ozzy“ Osbourne. Der „Godfather of Heavy Metal“, der „Prince of Darkness“, gleichermaßen Kult- wie Witzfigur, prägt mit seiner eindringlichen Stimme auch das neueste Werk der Band. Was viele nicht wissen: Osbourne leidet Zeit seines Lebens unter Dyslexie (Leseschwäche) und ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom). Unbeschwert zu lesen und sich für längere Zeit zu konzentrieren, ist für ihn eine Tortur. (Viele erwachsene ADS-Patienten nehmen Drogen oder sind Alkoholiker.) In seiner hauseigenen Bibliothek hortet Osbourne Erstausgaben von Shakespeare bis Dickens, in denen er immer nur wenige Minuten lesen kann, bevor die Buchstaben wie Hieroglyphen vor seinen Augen verschwimmen.

„Geezer Butler“ (63)

Der mit Abstand gesundeste ist zweifellos immer noch Bassist Terence Michael Joseph genannt „Geezer“ Butler. Der Veganer ist, gemeinsam mit seinem Freund Iommi, Gründer von „Black Sabbath“ und Initiator von „13“. Butler war es auch, der 1969 den Band-Namen „Black Sabbath“ erfand.

Die Geschichte dazu ist eine der lustigsten aus der an Anekdoten reichen Band-Historie: Im Kino sah sich Butler ein B-Movie mit Boris Karloff an: „I tre volti della paura“ („Die drei Gesichter der Furcht“), ein Horrorfilm des italienischen Regisseurs Mario Bava, dessen größter Erfolg „Die Stunde, wenn Dracula kommt“ war. In England erschien der Film unter dem Titel „Black Sabbath“.

Damit hatte Butler den Namen für seine Band gefunden. Der Bassist (und nicht etwa Sänger „Ozzy“ Osbourne) schreibt auch die meisten Songtexte für „Black Sabbath“. Butler ließ sich dabei immer wieder von den Bestsellern des britischen Schriftstellers Dennis Wheatley („The Satanist“) inspirieren. Bis heute wird Black Sabbath eine Nähe zu den Satanisten nachgesagt. Buchstäblich genährt wurde dieses Image, als der für seine makabren Späße bekannte „Ozzy“ Osbourne bei einem Konzert einer Fledermaus auf der Bühne den Kopf abbiss. (Später wiederholte er dieses Ritual bei einer Taube.)

Tatsächlich hat Black Sabbath mit Satanismus soviel gemein wie Boris Karloff mit Frankenstein. Aber einige Fans können bis heute nicht zwischen Rolle und Realität unterscheiden. Als eine satanische Fangemeinde im Foyer eines Hotels, in dem Black Sabbath abgestiegen war, einen okkulten Kreis mit angezündeten Kerzen bildete, um ihren Helden zu huldigen, sprangen Ozzy und seine Spielkameraden plötzlich hinzu, sangen „Happy birthday to you“ und pusteten die Kerzen aus.

Cover des Debüt-Albums „Black Sabbath“ (1970)

Das düstere Cover des ersten Albums der Band zeigt eine schwarz bemantelte Gothic-Gestalt, die an Morticia aus der Addams-Family erinnert, vor einem verfallenen Haus am Fluss in einer unwirtlichen Landschaft, bei der einem schon vom Ansehen Angst und Bange werden kann. „Black Sabbath“ steht mit beschwörenden Lettern über der finsteren, blutrot eingefärbten Szenerie.

Tatsächlich handelt es sich um die Mapledurham Watermill, einem beliebten Ausflugsort nahe der Themse in der Grafschaft Oxfordshire, die es auch als Film-Location schon zu bescheidenem Ansehen gebracht hat.

Die 2012 sanierte Wassermühle von Mapledurham

Den Siegeszug von „Black Sabbath“ konnte das nicht aufhalten. Das Debütalbum wurde 1 Mio mal verkauft und stürmte die Charts in UK, USA und Deutschland. Schon ein halbes Jahr später erschien das bis heute erfolgreichste und bekannteste Werk „Paranoid“ mit der gleichnamigen Single-Auskoppelung und machte die Band schlagartig berühmt. 4 Mio Tonträger wurden von „Paranoid“ verkauft. Mit „Iron Man“ und „War Pigs“, dem ursprünglichen Titelstück der LP, schuf Black Sabbath den typischen Sound, den die Band auf den nachfolgenden Alben weiter perfektionierte: schleppende verzerrte Gitarren, plötzliche Rhythmuswechsel, wilde Soli, verzwickte Bassläufe und den unverkennbaren Gesang von „Ozzy“ Osbourne. Die Verkaufszahlen von „Paranoid“ wurden nie wieder erreicht. Verkaufte sich „Master of Reality“ (1971) noch mit 2 Mio Exemplaren, gingen die Zahlen auf „Vol. 4“ (1972) und „Sabbath Bloody Sabbath“ (1973) mit gut 1 Mio wieder auf das Niveau des Erstlings zurück.

Danach war es vorbei. Die Band genoss weiterhin Kultstatus in der sich formierenden Heavy-Metal-Szene, erreichte aber nie wieder die Erfolge der frühen 70er Jahre. Nach zwei weiteren Alben stieg Osbourne zuerst aus, danach wieder ein und wurde nach „Never say die“ (1978) schließlich aus der Band geworfen. Was folgte, waren Jahre mit ständig wechselnden Besetzungen und mehr oder weniger Erfolg. 25 Musiker gaben sich die Klinke in die Hand, darunter Größen wie Sänger Ian Gillian und Schlagzeuger Cozy Powell. Immerhin sagt man dem 2012 verstorbenen Ozzy-Nachfolger Ronnie James Dio nach, er habe die „mano cornuta“, das Handzeichen der Metal-Szene, populär gemacht.

Ronnie James Dio, Black-Sabbath-Sänger Nr. 2

Gitarrist Tony Iommi blieb über all die Jahre der einzige Musiker, der zu allen Zeiten Mitglied der Band war. 1995 erschien das letzte reguläre Studio-Album von Black Sabbath – und floppte. „Ozzy“ Osbourne machte inzwischen eine ebenso schillernde wie schrille Solo- und Drogen-Karriere, deren vorläufiger Höhepunkt die Doku-Soap „The Osbournes“ (2002-2005) darstellte. Sein fast alljährlich stattfindendes, aber nicht unumstrittenes „Ozzfest“ hat in den USA einen ähnlichen Kult-Status wie hierzulande das Wacken-Festival.

Retter Rick Rubin

Eine Wiedervereinigung von Black Sabbath in der Ursprungsformation blieb immer ein Thema und kam sogar gelegentlich zustande – das Live-Album „Reunion“ aus dem Jahr 1991 brachte Osbourne, Iommi, Butler und Ward noch einmal zusammen, unterstützt vom „ewigen“ 5. Bandmitglied Geoff Nichcols, der Black Sabbath seit 1979 im Hintergrund an den Keyboards und auf der Gitarre begleitete.

Im November 2011 tauchten erstmals Gerüchte um eine Wiedervereinigung und ein neues Album auf. Als Tony Iommi Anfang 2012 seine Krebsdiagnose erhielt, zerschlugen sich die Hoffnungen wieder und hätte es nicht das Faktotum Rick Rubin gegeben – „13“ wäre wohl nicht mehr zustande gekommen. Rubin machte sich bereits in den 90er Jahren einen Namen als Hip-Hop-Produzent, führte aber auch Bands wie die ausgebrannten „Red Hot Chilli Peppers“ oder den lebensmüden Johnny Cash zurück zu ihren Wurzeln … und in die Charts. Zuletzt produzierte er mit Adele’s „21“ eines der erfolgreichsten Alben aller Zeiten.

Der „fucking guru Rubin“ (Osbourne), der aussieht wie ein übrig gebliebener Kiffer aus der Hippie-Zeit, brachte das Kunststück fertig, Black Sabbath 2013 (fast) wieder so klingen zu lassen wie 1970. Lediglich der für Schlagzeuger Bill Ward als Ersatz verpflichtete Brad Wilk von der Band „Rage Against The Machine“ trommelt nicht ganz so verrückt wie sein Vorfahre zu besten Zeiten.

Bootleg statt Bartwuchs

Black Sabbath war für mich so etwas wie die böse Jugendliebe, das unanständige Mädchen, dem man – zum Entsetzen von Freunden und Familie – einfach nicht widerstehen konnte. Es gab hübschere und nettere, aber keine, die einen derartig in ihren Bann zog. Obwohl ich mich bemühte, mein Haar schon früh so offen zu tragen wie die Jungs von Black Sabbath, habe ich es leider nie zu einem dieser „Jason-King-Schnäuzer“ gebracht, wie ihn Tony Iommi und „Geezer“ Butler von Black Sabbath trugen. Dafür reichte mein Bartwuchs mit 15 einfach noch nicht. Statt dessen nannte ich aber ein Bootleg der Band mein eigen, das ich heimlich während eines Konzerts in Birmingham auf einem tragbaren Uher-Tonbandgerät mitgeschnitten hatte.

Auf dem neuen Album „13“ treffe ich das Mädchen von damals als äußerlich gealterte Frau wieder – aber sie hat immer noch diesen brennenden Blick in ihren Augen.