Werbung Osnabrück


Der Hausmand.

| Reinhard Stiehl

Sein Traum: ein erfolgreicher Schriftsteller zu werden. Ihr Ideal: mit einem erfolgreichen Schriftsteller zu leben. Die Realität: Trotz guter Kritiken und beachtlicher Anfangserfolge reicht es auf Dauer nicht zum Leben und sie muss die Familie ernähren, während er sich nun um Kinder, Küche, Haus und Garten kümmert und nebenbei schreibt. Seinen Alltag beschreibt, bis ins kleinste Detail … als Hausmann, der sich um Kinder, Küche, Haus und Garten kümmert und nebenbei schreibt.

„Aber natürlich sind wir grundsätzlich versorgt, und ob ich ein Buch fertig kriege oder nicht, ist im Grunde egal. Das ist der Pakt, den ich eingegangen bin und für den mich jeder verachten darf.“

„Der zweite Garten“ von Andreas Mand ist streng genommen kein Roman, sondern ein Tagebuch, das vorgibt ein Roman zu sein. Oder ein Roman, der vorgibt ein Tagebuch zu sein. Aber egal, ob Tagebuch oder Roman: Auch dieses Buch von Andreas Mand wird wohl leider so erfolglos bleiben wird wie viele seiner anderen zuvor.

„Sie knüpft Hoffnungen an meinen neuen Roman. Das Problem dabei, es ist gar keiner und schon gar nicht eine zugängliche runde Geschichte wie Wolfgang Herrndorfs TSCHICK.“

Denn:

„Ich schreibe mit, was passiert oder nicht passiert.“

In 12% aller Familien ernährt heute die Frau die Familie, das heißt, sie verdient 60% und mehr des Haushaltsnettolohns. 11 Mio Männer zählen sich heute selbst zur Gruppe der Männer, die den Haushalt machen. Beide Statistiken sagen nichts darüber aus, wie viele Hausmänner es nun tatsächlich gibt, also Männer, die sich überwiegend oder ausschließlich um den Haushalt und die Kinder kümmern. Darüber gibt es bis heute keine verlässlichen Zahlen.

Die meisten Männer geraten unfreiwillig in die Rolle des Hausmanns. Nicht selten ist die Frau mit ihrer Ausbildung oder dem Studium früher fertig als ihr Partner und verdient bereits ihr erstes Geld. Immer häufiger hat sie aufgrund der besseren Bildung oder Abschlüsse die größeren Chancen auf dem Arbeitsmarkt und ein besseres Einkommen. Kommen die Kinder, wird aus der Elternzeit des Mannes manchmal ein Leben als Hausmann. Nur wenige Männer entscheiden sich bewusst für diese Rolle. Nicht zuletzt, weil sie dann nicht mehr dem Rollenbild entsprechen, das auch die meisten Frauen ihren Männern immer noch zuschreiben.

Foto_Koch_Mindener_Tageblatt Andreas Mand (Foto: Koch, Mindener Tageblatt)

Dabei fing alles so vielversprechend an. Andreas Mand, Jahrgang 1959, wurde Anfang der Achtziger Jahre als großes literarisches Talent entdeckt und gehandelt. Er gab der Generation „Zaungäste“ (zu jung für einen Hippie, zu alt für einen Yuppie) eine ganz eigene, sehr persönliche Stimme: die des teilnehmenden Beobachters mit der ihm eigenen Ambivalenz: zu distanziert, um mitzumachen – zu nah, um wegzusehen.

Mand erfand:

  • 1982 Paul Schade, den berufsjugendlichen Anti-Helden, Mands Alter Ego, der in mehreren Romanen („Haut ab“, „Kleinstadthelden“, „Das rote Schiff“, „Vaterkind“) das Leben des Autors lebte.
  • 1990 Grover (… und wie er die Welt sah, möchte man ergänzen), der junge Held, den sich der kleine Andreas schon als Kind ausgedacht hatte und den er als erwachsener Schriftsteller in „Grovers Erfindung“ und später in „Grover am See“ wieder aufleben ließ – geschrieben aus der Sicht eines kleinen Klugscheißers namens Andreas. Grover verkaufte sich gut und Grovers Erfinder – Andreas Mand – wurde als Wegbereiter der Pop-Literatur in Deutschland gefeiert.

Die Presse überschlug sich:

Welcher deutschsprachige Roman bringt so viele so genau recherchierte Details, wie man das sonst nur von amerikanischen Großmeistern kennt?

Willi Winkler, DER SPIEGEL über „Grovers Erfindung“

Einzigartige private Geschichtsschreibung

Peter Henning, Weltwoche

Äußerst sensibler Chronist der letzten 30 Jahre

Tilman Spreckelsen, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Wieder ein wunderbar leichtes Buch über das Erwachsenwerden in Deutschland

Helmut Schödel, DIE ZEIT über „Das rote Schiff“

Aber das, was in jüngster Zeit Gerhard Henschel mit seiner Roman-Serie „Kindheitsroman“, „Jugendroman“, „Liebesroman“, „Bildungsroman“ und zuletzt „Künstlerroman“ gelungen ist, die private Geschichtsschreibung als Literatur-Bestseller, blieb Andreas Mand bis heute verwehrt. Trotz aller Lobhudelei im Literaturteil: Seine Bücher wurden keine Bestseller.

Im Gegensatz zu Henschel, der als Satiriker und Autor schon früh in den richtigen Kreisen verkehrte (von der Neuen Frankfurter Schule bis zur Berliner Bohème), hatte Mand „Die falschen Freunde“ – so nannte er seine eigene Band in den 80er Jahren, denn natürlich wollte er nicht nur ein erfolgreicher Schriftsteller werden, sondern auch ein Rockstar.

Ein Jungentraum, den viele Männer noch bis ins hohe Alter als Lagerfeueramateurgitarrist oder Top-40-Band-Leader ausleben. Denn nur der Rockstar bekommt, was jeder Mann braucht: die fortwährende Beachtung und vorbehaltlose Liebe der Frauen.

Vertonte Texte könnte man die CD „eine kleine feile“ (so nannte Mand seine Band später) aus dem Jahr 2007 mit den frühen Demo-Aufnahmen aus den 80er Jahren nennen. Zu mehr hat es leider nicht gereicht. Vorweg genommene „Hamburger Schule“ … in Osnabrück. Erfolgreich in diesem Genre wurden andere.

Es scheint, als lebte Mand immer in der falschen Zeit am falschen Ort mit den falschen Freunden. Er ist nicht kompatibel – und er kokettiert damit.

Immerzu wünscht man ihm nicht nur Kritiker, die sein schriftstellerisches Talent aus seinen Texten herauslesen, sondern Lektoren und Verlage, die daraus einen Bestseller machen. Oder Arrangeure und Produzenten, die unter den rohen Riffs und Refrains seiner Musikstücke die Melodien und die Poesie seiner Lieder nicht nur heraushören, sondern daraus einen Hit machen. Mand kann auch nicht singen, aber das kann sein großes Idol Bob Dylan (er spricht ihn „Düln“ aus) auch nicht. Insofern wäre es ein interessantes Experiment, seine alten Songs – siehe „Düln“ – einmal von anderen Sängern und Musikern interpretieren zu lassen. Geld verdienen lässt mit dem „Covern“ unbekannter Songs allerdings nicht, weshalb es wohl aussichtslos ist, darauf zu hoffen.

Meistens aber war es Mand selbst, der sich im Weg stand: „Der komplizierte Andreas“ heißt eine bezeichnende Kapitelüberschrift in seinem neuen Buch „Der zweite Garten“.

Mittlerweile lebt Mand in … Minden. Da ist er als Stadtschreiber hingekommen und hängengeblieben: Die Stipendiaten-Literaten. In Minden ist auch „Der zweite Garten“ angesiedelt, mit dem er nach eigenen Worten seine sämtlichen bisherigen Romane „überschreibt“.

Bucher_Cover_Mand_Garten

Ein Buch, zwei Cover: der neue Mand.

5 Jahre hat Mand lt. Verlag daran gearbeitet. Der Roman spielt im Zeitraum Herbst 2010 bis Sommer 2011. Erschienen ist er 4 Jahre später im Augsburger Maro-Verlag des Charles Bukowski-Verlegers Benno Käsmeyr. Der Drucker und Verleger, zu dem Mand nach seinen Abstechern in die „Major Companies“ immer wieder zurückgekehrt ist.

Heute, am 14. Dezember, wird Andreas Mand 56 Jahre alt. Im Buch ist er 51 und die personifizierte Krise des Hausmannes: der Hausmand. Die beiden Kinder – im Roman heißen sie Moritz und Uwe – sind inzwischen so alt wie die Protagonisten seiner frühen Paul-Schade- und späteren Grover-Romane. Und Miriam, seine Frau (die Lehrerin und Ernährerin im Roman), lebt vor allem in ihrem Job und behandelt ihren Partner auch als Liebhaber wie einen modernen Leibeigenen.

Wer aber glaubt, dass der Roman nun die Geschichte einer Veränderung erzählt, eines Ausbruchs aus dem Alltag gar, wird enttäuscht. Alles bleibt wie es ist. Mand hat sich in seinem Leben als Hausmand eingerichtet.

Er nörgelt, köchelt, werkelt zuhause vor sich hin (frei nach dem wunderbaren Hornbach-Slogan „Es gibt immer was zu tun“) und sinniert dabei über seinen Alltag. Mal selbstgefällig und selbstmitleidig, mal zynisch und zotig. Beides beherrscht Andreas Mand aus dem FF und schafft es, das in nur zwei aufeinanderfolgenden Sätzen erfolgreich unterzubringen, wenn er zum Beispiel den Auftritt eines Kollegen beschreibt:

Eine gut vorbereitete Lesung kann eine symbolische Entschädigung sein für ein jahrelanges, isoliertes Schreiben. Aber ein Blick in den Saal, in dem keine einzige fruchtbare Frau sitzt, ernüchtert auch wieder.

Und weil man spätestens nach 150 Seiten begriffen hat, dass diese Geschichte keine Handlung hat, keinen Plot, kann man sich voll auf die Sprache einlassen und viele großartige Sätze wie diesen finden:

Ich hätte auch gern mal keine Zeit.

„Schade, Paul!“ möchte man in Anspielung auf den Helden seiner frühen Romane kalauern, aber leider wird auch der neue Mand wohl wieder kein Bestseller werden. Dabei hat der Autor den Trend längst erkannt und ist ihm um Jahre voraus:

Erfolgloser Autor zu sein, wird Mode werden.