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Der neue Roman von Andreas Schäfer ist kein Krimi und trotzdem mordsmäßig spannend: „Gesichter“.

| Reinhard Stiehl

Googelt man den Namen „Andreas Schäfer“, erscheinen zwei Gesichter: Das eine gehört dem Fußballer Andreas Schäfer, der jahrelang erfolgreich in der 2. Bundesliga beim VfL Osnabrück gespielt hat. Das andere dem Berliner Schriftsteller und Journalisten Andreas Schäfer, dessen jüngster Roman „Gesichter“ heißt.

Gesichter von Andreas Schäfer

Der Autor Andreas Schäfer sieht nicht so aus wie man sich einen Andreas Schäfer vorstellt. Seine kleine Tochter hat dafür eine wunderbare Erklärung: „Papa ist ein ganzer Deutscher und ein halber Grieche“. Andreas Schäfer hat eine griechische Mutter und einen deutschen Vater. Sein Gesicht weist ein sehr griechisches Profil auf. Ganz anders als es sein sehr deutscher Name zunächst vermuten lässt.

Auch der Roman „Gesichter“, erschienen bei DuMont in Köln, handelt von der Identifikation und Identität. Wir identifizieren Menschen anhand ihrer Gesichter und ordnen ihnen eine Identität zu. Die Gesichtserkennung ist eine der ersten Fähigkeiten, die wir als Baby schon nach wenigen Wochen beherrschen – und nie wieder verlernen, solange diese Fähigkeit nicht durch Demenz, Unfall oder Krankheit getrübt wird. Gesichter können wir uns besser merken als Namen und erkennen Menschen auch nach vielen Jahren wieder, selbst wenn ihnen das Alter ins Gesicht geschrieben steht.

Gesichtserkennung ist auch eine der ältesten Anlagen des Homo Sapiens, verbunden mit der Fähigkeit, im Gesicht des anderen „lesen“ zu können, zum Beispiel, um herauszufinden, welche Absichten er verfolgt. Geht eine Gefahr von ihm aus oder ist er mir wohl gesonnen – eine Frage, die einmal überlebenswichtig war. Und es manchmal auch heute noch ist.

Gesichter

Gabor Lorenz, der Held des Romans „Gesichter“ von Andreas Schäfer, beschäftigt sich als Neurologe der Berliner Charité mit Menschen, denen diese Fähigkeit fehlt – entweder als Folge eines Unfalls, bei dem die für die Gesichtserkennung zuständigen Areale des Gehirns beschädigt wurden oder als ererbte Unfähigkeit, der sogenannten kongenitalen Prosopagnosie, zu deutsch „Gesichtsblindheit“.

Davon betroffene Menschen erkennen auch ihre nächsten Angehörigen nicht wieder. Zumindest nicht anhand des Gesichtes – sie haben andere Strategien entwickelt, einen Menschen zu identifizieren (zum Beispiel an seiner Stimme) und fallen deshalb oft nicht auf. Etwa 2% aller Menschen leider unter dieser Wahrnehmungsstörung.

Und „Wahrnehmungsstörung“ ist ein gutes Stichwort für den Roman „Gesichter“. Denn obwohl Gabor Lorenz, der Neurologe in Andreas Schäfers Roman, ein ausgewiesener Fachmann für die Gesichtsblindheit ist, hat er eine gestörte Wahrnehmung. Die ist aber weniger organischer als viel mehr seelischer Natur.

Gabor fühlt sich verfolgt. Seine Angewohnheit, Urlaubskarten an seine eigene Adresse zu schicken, wird ihm zum Verhängnis.

„Warum haben Sie die Karten an sich selbst geschrieben?“, fragte er, während er einen Text überflog.
„Ich habe die Karten nicht an mich, sondern an meine Frau geschrieben.“ Gabor räusperte sich. „Wegen des Sommers. Um den Urlaub zu verlängern.“
„Schöne Idee eigentlich“, sagte der Polizist (…).

Wäre da nicht dieser Flüchtling auf der Fähre gewesen.

In der griechischen Hafenstadt Patras wird Gabor Zeuge, wie ein junger Mann auf einen Lastwagen springt, um unbemerkt auf die Fähre zu gelangen, mit der auch er und seine Familie nach Italien übersetzen. Während der Überfahrt sucht Gabor den Mann und wirft eine Tüte mit Bananen in den Laster, in dem der Fremde sich versteckt. Zu spät fällt ihm ein, dass sich darin auch die Urlaubskarten mit seiner Berliner Anschrift befinden.

Wieder zuhause dauert es nur eine Woche, bis die erste Karte ankommt. Abgestempelt in Italien. Die zweite kurz darauf mit Münchener Poststempel. Nun weiß Gabor, dass der Fremde auf dem Weg zu ihm ist. Das Flüchtlings-Schicksal aus der Ägäis wird zu einer persönlichen Bedrohung für den Berliner Bildungsbürger.

Lampedusa in der Ägäis: Zwischen den griechischen Inseln und der türkischen Küste starben bereits über 1.500 Flüchtlinge.

In seiner allmählich heraufziehenden Panik und Paranoia verliert der Neurologe zunehmend die Wahrnehmung für seine direkte Umgebung und wird blind für die Probleme der Menschen, die ihm nahe stehen.

Nachdem die dritte Karte – abgestempelt bei einem Berliner Postamt – bei ihm ankommt und seine Tochter plötzlich verschwindet, kann Gabor sein Geheimnis nicht mehr länger für sich behalten und setzt alles aufs Spiel: seine Ehe, seine Gesundheit, seinen Beruf. Wurde seine Tochter von dem Flüchtling entführt? Hat Gabor sich schuldig gemacht?

Was sich zunächst wie ein Krimi anhört und zeitweise auch wie einer liest, ist in Wahrheit der Roman über die Identitätskrise eines Mannes, der alles erreicht hat: Gabor Lorenz steht vor der Berufung zum Professor, ist verheiratet, hat zwei Kinder und wohnt in einer sauberen Berliner Vorstadtsiedlung. Gabors Frau Berit (der Autor mit dem „Allerweltsnamen“ Andreas Schäfer scheint bei seinen Protagonisten eine Vorliebe für ungewöhnliche Vornamen zu haben) arbeitet als Erbenermittlerin, denn sie hat die Gabe der „Schnellrauskriegerei“, wie sie über sich selbst sagt.

Die hilft ihr allerdings weder dabei, rechtzeitig hinter das Karten-Geheimnis ihres Mannes zu kommen noch die verschwundene Tochter wiederzufinden. Als die vierte Karte eintrifft, wird sogar die Polizei nervös.

Die Bedrohung durch das Näherkommen des Fremden und das unerklärliche Verschwinden der Tochter hebt die heile Welt der Familie Lorenz völlig aus den Angeln. Berit misstraut Gabor:

Ich weiß nicht, was ich glaube. Ich weiß nur, dass du Dinge gern vergisst. Du siehst nur das, was du sehen willst.

Der Autor schafft es, einen Sog aufzubauen, in dem man als Leser vollends hineingezogen wird und dabei – ganz wie Gabor – Gefahr läuft, wichtige Hinweise zu übersehen, weil man seine Sichtweise vollkommen übernimmt. (Nicht ohne Grund wird Andreas Schäfer mit dem wohl besten zeitgenössischen englischen Romancier Julian Barnes verglichen, der diese „Technik“ perfekt beherrscht.)

So hat die Auflösung des „Falles“ auch weniger mit Gesichtern zu tun, die man nicht erkennt, als mit denen, die man nicht mehr los wird.

Kleine Osnabrücker Anekdote am Rande. Gabor, den in seiner Anspannung die Bilder seiner Vergangenheit einholen, hört im Speisesaal eines Ausflugslokals eine Stimme, die ihn an seine Mutter erinnert und daran, dass sie den Vater verlassen und ihn als Kind beim Vater zurückgelassen hat.

Sie war mit einem quirligen, stiernackigen Mann zusammengezogen, der angeblich mal für Osnabrück in der zweiten Liga gespielt hatte (…).

Andreas Schäfer, der Fußballer und Namensvetter des Autors, der tatsächlich mal für den VfL Osnabrück in der 2. Bundesliga gespielt hat, war es nicht!