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Der Schubladen-Dichter: Ralf Rothmann auf Reisen.

| Reinhard Stiehl

Ralf Rothmann macht schon lange Literatur. Sein erster Gedichtband „Messers Schneide“ erschien bereits 1986. Aber mir war er nie aufgefallen, denn er steckte in einer Schublade, die mich nicht interessierte: Kohlenpott-Autor. Erst durch seinen Roman „Feuer brennt nicht“ wurde ich 2009 auf ihn aufmerksam. Der paradoxe Titel gefiel mir. Und der Inhalt (eine Dreiecksbeziehung) machte mich neugierig.

Als ich dann noch herausfand, dass Rothmann 2006 den Max-Frisch-Preis verliehen bekommen hatte, fing ich an, mich näher mit ihm zu beschäftigen. Und entdeckte einen großartigen Erzähler, der eigentlich ein Dichter ist. Mit seinem neuen Erzählband „Shakespeares Hühner“ ist er gerade auf Lesereise.

Er sieht gut aus. Ein Frauentyp. So aus der Kategorie Peter Handke und Botho Strauß. Nur nicht so arrogant … sagt man. Rothmanns meistens etwas zu langes Haar verleiht ihm etwas Verwegenes, aber auch Verletzliches, dazu sein trauriger, verträumter Blick durch die intellektuelle Brille – so einen wünschen sich Mädchen mit 16 als Deutschlehrer. Schublade auf. Und zu.

Ralf Rothmann (Foto: Heike Steinweg)

Ralf Rothmann schrieb schon früh für die Schublade. Angefangen hatte alles mit Hermann Hesse. Den las man 1974, nicht nur in Oberhausen, wo Rothmann aufwuchs. Bei ihm löste Hesse etwas aus, das er selbst einmal mit den Worten von Karl Kraus umschrieb: „Woher weiß der das von mir?“

Mit Anfang 20 ging Rothmann 1976 vom Ruhrpott nach Berlin. Und in Berlin schrieb er über den Ruhrpott. In Christoph Meckel fand er zudem einen Mentor, „der ihm die Adjektive aus den ersten Gedichten herausstrich“. Rothmanns Trilogie „Stier“, „Wäldernacht“ und „Milch und Kohle“ aus den 90er Jahren brachte ihm endgültig das Etikett des Ruhrpott-Romanciers ein. Geschichten über (junge) Männer, die aus der kleinbürgerlichen Enge ausbrechen, um das Weite zu suchen. Ausbruch und Aufbruch waren immer Rothmanns Themen.

Dabei war der Ruhrpott für Rothmann vor allem eine Metapher:

Man gräbt sich den Boden unter den Füßen weg, um auf der Höhe eines gewissen Lebensstandards zu sein. So gesehen könnte man auch sagen, das Ruhrgebiet ist überall. Aber diese poetische Qualität der Region, die ist mir eigentlich erst in Berlin aufgegangen, aus der Distanz.

Diese Distanz ist aber nicht überheblich oder abgehoben, denn „das Beiseitestehen und Beobachten ist meine Haltung schon seit der Kindheit“, wie Rothmann über sich selbst sagt.

Das Ruhrpott-Image wurde er trotzdem nicht mehr los. Dazu passt, dass Rothmann kein Akademiker sondern gelernter Maurer ist und sich lange Zeit mit Gelegenheitsjobs durchschlug, um schreiben zu können: als Fahrer, Koch, Drucker und Krankenpfleger. Wenn – wie jetzt mit „Shakespeares Hühner“ – ein neues Buch von ihm erscheint und der Autor auf Lesereise geht, kolportieren die Medien immer noch allzu gerne das Image vom „proletarischen Poeten“.

Von dem ist Ralf Rothmann so weit entfernt wie John Steinbeck, mit dem er manchmal verglichen wird, von den wandernden Landarbeitern, über die er 1939 in „Früchte des Zorns“ schrieb. Auch bei Steinbeck, selbst abgebrochener Akademiker, der sich mit diversen Jobs über Wasser hielt, war das Milieu immer nur eine Metapher. Aber das Proleten-Poeten-Image lässt sich eben besser verkaufen. Daran änderten auch Rothmanns Berlin-Romane „Flieh mein Freund“ von 1998 oder „Hitze“ aus dem Jahre 2003 nichts, zumal der 2004 erschienene Roman „Junges Licht“ wieder im Bergbau-Milieu der 60er Jahre spielt und Rothmanns Kindheit im Ruhrgebiet verarbeitet.

Das alles war, wie gesagt, vor meiner Zeit. Ich entdeckte Ralf Rothmann erst 2009. Sein Roman „Feuer brennt nicht“ ist anders als seine anderen Romane und Erzählungen. Er dreht sich vor allem um ihn selbst. Das wurde im Feuilleton oft kritisiert, obwohl man Rothmann seine Beobachtungsgabe, die das Aufsehenerregende im Unscheinbaren erkennt und zu einer fast poetischen Sprache verdichtet, auch bei diesem Roman zugute hielt. Für mich war „Feuer brennt nicht“ eine erzählerische Offenbarung.

Die Geschichte ist schnell erzählt. Der Schriftsteller Wolf zieht mit der jungen Buchhändlerin Alina, mit der er in Kreuzberg Tür an Tür gelebt hat, zusammen in ein Haus am Müggelsee. Dann meldet sich seine alte Liebe Charlotte wieder bei ihm und er beginnt mit ihr ein heimliches Verhältnis. Als er es Alina endlich beichtet, reagiert die ganz unerwartet nicht mit Eifersucht, sondern mit Verständnis. Warum, das erfährt man in einem dramatischen Finale.

Rothmann wohnte viele Jahre in Kreuzberg und zog dann mit seiner Frau an den Müggelsee. Natürlich ist der Schriftsteller Wolf ein Abbild von Ralf (Rothmann). Ob die Dreieckskonstellation ebenfalls autobiografisch ist, will man eigentlich gar nicht wissen. Aber ähnlich wie in den Büchern von Max Frisch ist anzunehmen, dass der Roman auch weitere autobiografische Züge enthält. Wichtig ist das nicht, denn die Sprache zieht einen in seinen Bann.

Aus aktuellem Anlass (Lesereise) deshalb hier ein kleiner Ausschnitt:

Erwartet wird wenig. Ab und zu soll er aus seinen Texten lesen, im örtlichen Rotary-Club zum Beispiel, in der Leihbücherei, im Kulturzentrum der Nachbarstadt, einer ehemaligen Wassermühle mit klapperndem Rad. (…) Dass er etwas zu sagen haben soll über seine Texte hinaus, empfindet er als Zumutung, und wenn er dann nur noch stammeln kann, schürt das am ehesten bei ihm selbst den Verdacht, dass er doch kein richtiger Autor ist: Der Brauereibesitzer weist ihn auf einen problematischen Genetiv hin, der Studienrat hat alles schon mal gelesen, und seine Frau fragt ihn, ob er jenes Gedicht von Schiller kenne, das da anhebt: „Größeres wolltest auch du …“ Interessiert sieht man ihm beim Signieren seines Buches zu, und prompt verkrampfen sich die Finger so, dass er den Namenszug nicht zu Ende bringt. Will er dem aber zuvorkommen, indem er schwungvoller beginnt, mit großen Anfangsbuchstaben, reicht der Platz nicht aus.

Die Larmoyanz dieser Passage ist (wahrscheinlich) ebenso autobiografisch wie belletristisch. In „Feuer brennt nicht“ kommt sich Rothmann selbst am nächsten – ähnlich wie Max Frisch in „Montauk“, dem autobiografischen Meisterwerk, das so nah an dem gelebten Leben des Autors ist wie sonst kein Werk von ihm.

2006 erhielt Ralf Rothmann Max-Frisch-Preis der Stadt Zürich. Vielleicht hat ihn die Auseinandersetzung mit dem Namens-Stifter bei seinem Roman „Feuer brennt nicht“, der erst danach entstand, inspiriert, denn zwischen 2006, dem Jahr der Preisverleihung, und 2009, dem Erscheinungsjahr von „Feuer brennt nicht“, erschien nichts anderes von Rothmann.

„Feuer brennt nicht“ gehört zu den Büchern, von denen man nach dem letzten Satz aufblickt, ins Leere starrt und sich nichts sehnlicher wünscht, als dass dieses Buch weitergehen möge, irgendwie, so wunderbar ist es geschrieben. „Literatur kommt aus der Stille und zielt in die Stille“, sagt Ralf Rothmann. Die Kritiker warfen Rothmann Klischeehaftigkeit bis zum Kitsch vor. Mein Bauchgefühl sagte mir sofort, dies ist ein großer Roman, und ein Bauchgefühl entsteht bekanntlich im Kopf.

Die letzten 3 Rothmann-Bücher: Rehe am Meer (2006), Feuer brennt nicht (2009), Shakespeares Hühner (2012)

Sein neuestes Buch „Shakespeares Hühner“, mit dem Rothmann gerade „auf Tournee“ durch Deutschlands Rotary Clubs, Leihbüchereien und Kulturzentren ist, knüpft wieder an sein vorletztes an: „Rehe am Meer“. Erzählungen … Kurzgeschichten. Schade, ich hätte mir einen neuen Roman im Stil von „Feuer brennt nicht“ gewünscht.

Was es mit dem merkwürdigen Titel des neuen Buches auf sich hat, erklärt die junge Fritzi in der Geschichte „Othello für Anfänger“:

Verglichen mit den Sorgen und Nöten seiner (Shakespeares) finsteren Gestalten sind wir eigentlich nur Hühner, oder? Shakespeares Hühner. Wir machen ein unglaubliches Gegacker um lauter Kram – Prüfungen, Lockenstäbe, Handymarken, Geld –, und wissen insgeheim doch alle, dass es nicht das Wahre ist. Dass nichts das Wahre sein kann hinterm Hühnerdraht.

Am Dienstag, den 29. Mai liest Ralf Rothmann im „Blue Note“ in Osnabrück ab 20.30 Uhr aus seinem neuen Buch. Das werde ich mir nicht entgehen lassen. Weitere Lesungen finden Sie hier.