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Die Multitasking-Mutter: Meike Haberstock schreibt und zeichnet ihr erstes Kinderbuch „Anton hat Zeit“.

| Reinhard Stiehl

Zeit ist relativ. Das wissen wir spätestens seit Albert Einstein. Er selbst erklärte seine Relativitätstheorie einmal so:

Wenn man zwei Stunden lang mit einem Mädchen zusammensitzt, meint man, es wäre eine Minute. Sitzt man jedoch eine Minute auf einem heißen Ofen, meint man, es wären zwei Stunden. Das ist Relativität.

Das hätte Antons Opa nicht besser ausdrücken können. Anton ist ein sechsjähriger Knirps, der keine Uhr braucht. Er hat sein eigenes Zeitgefühl: Etwas dauert zum Beispiel „so lange wie ein große Spinne braucht, um ein kleines Netz zu spinnen“.

Anton hat Zeit“ ist das erste Kinderbuch unserer – früher festen und heuten freien – Texterin Meike Haberstock.

Meike hat es nicht nur geschrieben, sie hat es auch selbst illustriert. Erschienen ist es im „Pippi-Langstrumpf-Verlag“ Oetinger, einem der … wenn nicht dem besten deutschen Kinderbuchverlag. Klassiker wie James Krüss („Timm Thaler“), Paul Maar („Das Sams“) oder Sven Nordquist („Petterson und Findus“) werden hier verlegt.

Meike Haberstock ist unschwer als die Mama in „Anton hat Zeit“ zu erkennen. Und sie hat – ganz im Gegensatz zu ihrem Sohn – natürlich keine Zeit. „Himmel, wo ist nur schon wieder die Zeit geblieben“ ruft Mama Meike. Eine Frage, die ihr Anton als Allerletzter beantworten kann, denn er hat mehr als genug davon.

Das ändert sich allerdings im Laufe des Buches, in dem ein Kapitel (in Antons Zeitrechnung) zum Beispiel so lange dauert, „wie eine Tube Zahnpasta in einer langen Linie auf dem Badezimmerboden auszudrücken“. Jedes der 16 Kapitel in „Anton hat Zeit“ wird mit einem bildhaften Vergleich eingeleitet. Kapitel 6 dauert so lange, „wie einmal alle Deine Buntstifte anzuspitzen. An beiden Enden.“

(Vor-)Lesenswert

„Anton hat Zeit“ ist ein Kinderbuch zum Vorlesen oder selber lesen. In Wahrheit ist es natürlich ein Erwachsenenbuch, das sich (meistens) Mütter kaufen – unter dem Vorwand, dass es für ihre Kinder ist. So wie die Väter die Carrera-Bahn. Meike Haberstock versucht erst gar nicht „kindgerecht“ zu schreiben (was immer das ist). Und genau das macht das Buch so lesenswert. Für Erwachsene und Kinder. Am besten die Kinder lesen es ihren Eltern vor!

Anton_hat_Zeit_Vorsatz

Man kann aber auch einfach nur darin blättern und sich an den wunderbaren Illustrationen mit den vielen liebevollen Details erfreuen. Allen voran der etwas stieselige, aber überaus sympathische Tagträumer Anton: ein echter Typ, genau wie seine besten Freunde Karl, Hannes, Marie und Michel. Oder Giesela, die Betreuerin im Kinderhort, die gelegentlich vom Stuhl fällt und die Augen verdreht. Oder „Mamili“, die Mutter von Marie.

Gerade als Anton zur Grabesrede für das tote Eichhörnchen ansetzt, das die Freunde in einer Tupperdose hinter der Turnhalle beisetzen wollen, hören sie „Mamili“:

„Ma-rie-hie, wo bist du? Mamili bringt dich jetzt zum Chinesisch-Unterricht!“ (…) Marie seufzte. Es war wirklich zum Heulen. Sowohl die Beerdigung als auch die Tatsache, dass man noch nicht mal Zeit zum Beerdigen hat.

Aber nicht nur die Helikopter-Mütter werden hier vorgeführt, sondern auch die zwischen Anspruch und Alltag aufgeriebenen Exemplare der Gattung „berufstätige Mutter“, zu denen sich die Autorin letztlich auch selbst zählt:

„Sagen wir es mal so: Antons gestresste Mutter und ihre Marotte, ständig drei bis acht Dinge gleichzeitig zu machen, sind mir nicht wirklich unbekannt.“

Multitasking ist für Meike Haberstock aber nicht wirklich neu. Sie kann sich einfach nicht entscheiden.

Meike_Haberstock_by_Daniel_Giesecke Meike Haberstock, Foto: Daniel Giesecke

Als Tochter eines Innenarchitekten und Tischlers 1976 in Münster geboren und im Münsterland aufgewachsen, eifert sie zuerst ihrem Vater nach, und beginnt ein Architekturstudium in Kiel. Aber wollte sie nicht immer schon viel lieber zeichnen? Bewerbung bei der renommierten Muthesius Kunsthochschule. Und galt nicht den Menschen von jeher ihr größtes Interesse. Also Sozialpädagogik, Arbeit mit psychisch Kranken. Zuerst in Kiel, später in Berlin.

Oder schreiben?

Die Chance, als Texterin bei Springer & Jacoby, der wohl kreativsten deutschen Werbeagentur der 80/90er Jahre anzuheuern, versetzt sie nach Hamburg. Hier fasst sie Fuß … und geht zurück nach Berlin: Aimaq/Rapp/Stolle heißt ihre nächste Station. (Bis heute ist Meike Haberstock 15 Mal in ihrem Leben umgezogen.)

Sie arbeitet jetzt als Kreativdirektorin und schreibt seit 2002 für den Autoren-Blog „kolumnen.de“, u.a. über schlechtes Zeitmanagement und ihr Leben als Raufasertapete.

Mit fast 30 Jahren wird Meike Mutter (ihr Sohn steht später Pate für „Anton“) und kehrt zurück ins Münsterland. Als der Junge aus dem Gröbsten raus ist, will sie es wieder wissen und bewirbt sich bei Stiehl/Over.

Dieselbe Schule: Das verbindet.

Reinhard Stiehl und Meike Haberstock haben zwar zu unterschiedlichen Zeiten bei Springer & Jacoby gearbeitet, aber die Hamburger Kreativschmiede hat sie beide gleichermaßen geprägt: Wahlverwandte. Bei Stiehl/Over textet und zeichnet Meike Haberstock u.a. für Kaffee-Partner.

KaffeePartner1_groß

Für ein „Produkt“, das nicht nur keiner will, sondern jeder ablehnt, läuft sie zu kreativer Höchstform auf: das atomare Endlager für schwach- bis mittelradioaktiven Müll, Schacht Konrad in Salzgitter. Stiehl/Over gewinnt den Pitch des BMUB (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit) 2007 in allen fünf ausgeschriebenen Kategorien mit einem Claim, der zum meistzitierten in der Berichterstattung über „Konrad“ wird: „Wir haben etwas zu entsorgen, aber nichts zu verbergen.“

Endlager Konrad ExpertenbroschüreExperten-Broschüre für das Endlager Konrad in Salzgitter.

Noch heute sagt Meike Haberstock, dass sie besonders stolz auf diese Arbeit bei Stiehl/Over ist. Vielleicht nicht trotz, sondern weil es hier um die Öffentlichkeitsarbeit für ein höchst umstrittenes Projekt ging.

Nach weiteren Stationen auf Kunden- und Agenturseite wird sie 2011 erneut Mutter … von Zwillingen. Über sich selbst sagt sie:

Ich konnte mich immer schwer entscheiden. Miese Noten in Mathe, Physik oder Chemie? Wieso oder? Schreiben oder Illustrieren? Beides. Ein oder zwei Kinder? Ach, dann eben drei!

Mit „Anton“ ging sie fast drei Jahre schwanger und fand einfach keinen Schluss für die Geschichte – „aus Angst etwas zu beenden“, wie sie heute sagt. Dass „Anton hat Zeit“ dennoch das Licht der Literaturwelt erblickte, verdankt sie außer ihrem Mann Frank vor allem ihrer Literatur-Agentin Gabi Strobel aus Köln, die sie mit dem Oetinger-Verlag in Kontakt brachte, und natürlich ihrer Lektorin bei Oetinger, Simone Hennig.

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Aber auch als mehrfache Mutter rührt Frau Haberstock weiterhin „in allen Pötten“: Fortsetzung des Anton-Buches, weitere Kinderbuch-Projekte und ihr  Label „für großartige Kleinigkeiten“: Littlehausen – Multitasking heißt mit Vornamen Meike.