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Doppelbödig. Doppeldeutig. Ulrike Kroneck schreibt „intelligente Unterhaltung“ – und verkauft sich unter Wert.

| Reinhard Stiehl

Damals, als sie noch Taxi fuhr wie fast jeder Student (aber nur wenige Studentinnen) und als Berlin noch West-Berlin hieß, da chauffierte Ulrike Kroneck einmal den PR-Manager von Gillette durch die Straßen der geteilten Stadt. Kroneck erinnert sich: „Er hatte eine Verletzung an der Hand. Und ich fragte ihn, ob er sich bei der Arbeit geschnitten habe.“

Offenbar gefiel ihrem Fahrgast dieser Humor, denn er bot ihr an, für ihn zu schreiben. Ulrike Kroneck verfasste für Gillette u.a. die nie veröffentliche und inzwischen verschollene Geschichte der legendären Rotbart-Rasierklinge. Heute schreibt sie richtige Bücher.

Ihr zweiter Roman trägt den Titel „Grundlos“. Ein schöne Doppeldeutigkeit, denn ein Mann wird scheinbar grundlos ermordet und eine Frau verliert ihren Grund … den Boden unter den Füßen. Das macht neugierig.

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Wäre da nicht dieser Untertitel: „Ein Krimi aus der niedersächsischen Provinz.“ Oh nein, nur das nicht! Bitte keinen Regionalkrimi! Schlimmer als ein Regionalkrimi ist eigentlich nur noch ein historischer Regionalkrimi.

Schon zur Frankfurter Buchmesse 2012 veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung eine Liste mit dem Titel „Dinge, die wir nie mehr lesen, sehen, kaufen wollen“. Auf Platz 1: Regionalkrimis.

Ulrike Kroneck fand im gleichen Jahr dennoch noch einen Verleger für ihr Buch: Armin Gmeiner (50) aus dem oberschwäbischen Meßkirch, der 1998 die ersten Schwabenkrimis herausgab und sich 2002 entschloss, das Regionalkrimiprogramm auf den gesamten deutschsprachigen Raum auszuweiten. Genau rechtzeitig zu einem bundesweit einsetzenden Boom, der bis heute ungebrochen ist. Der Gmeiner-Verlag hat sich inzwischen auf „Spannungsliteratur“ spezialisiert und vermeidet dabei sogar das Wort „regional“.

Armin_Gmeiner_Diane_KoppVerleger Armin Gmeiner und seine Marketing- und Vertriebsleiterin Diane Kopp, mit einem Buch von Ulrike Kroneck in ihrer rechten Hand.

„Themenkrimis“ heißt es dort sowie „historische Romane und Frauenromane“. (Reise- und Kulturführer runden das Verlagsprogramm ab.) Zitat von der Verlags-Website: „Originalausgaben von Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, unter denen auch regelmäßig Debütanten zu finden sind.“ Jährlich 160 neue Taschenbücher plus einem Back-Up-Programm von 800 ständig lieferbaren Titeln aus der „Gmeiner Bibliothek“.

Mainstream – irgendwo zwischen anspruchsvoller Literatur aus dem Feuilleton und anspruchslosen Groschenheften im Bahnhofskiosk.

Ulrike Kroneck „bedient“ neben den Themenkrimis auch die Rubrik Frauenromane und sieht sich selbst ein wenig in der Tradition der Schriftstellerin und Sozialwissenschaftlerin Eva Heller, die mit ihrem ewigem Bestseller „Beim nächsten Mann wird alles anders“ eine neue Form des satirischen, sich selbst karikierenden Frauenromans etablierte.

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Ulrike Kronecks jüngstes Buch trägt den Titel „Ehe, Affären und andere Vergnügen“. Es ist eine Art Fortsetzung ihres ersten Romans „Frauenkomplott“ mit anderen Mitteln. Ging es darin noch darum, den Richtigen zu finden und den Falschen loszuwerden, dabei aber trotzdem auf seine Kosten zu kommen, geht „Ehe, Affären und andere Vergnügen“ noch einen Schritt weiter: Hier betrügt jede(r) jede(n) und die Romanheldin Magdalena – selbst unfreiwillig abstinent – macht aus der Not eine Tugend, die sie mit dem charmanten Wort „Liebhaberei“ umschreibt.

Lust und Liebe

Eine Studie der Universität Genf fand 2012 heraus, dass Liebe und Lust zwei voneinander getrennte Bereiche des Gehirns ansprechen. Sexuelle Lust aktiviert Regionen, die auch bei anderen lustvollen Tätigkeiten aktiv werden: bei leckerem Essen zum Beispiel. Liebe hingegen spricht eher den Bereich an, der für die Bildung von Gewohnheiten zuständig ist. (Auch die Sucht gehört dazu.)

Wird aus purer Lust echte Liebe, „übergibt“ das Gehirn die Impulse vom einen (lustvollen) an den anderen (liebevollen) Bereich. Das kann Wochen, Monate oder Jahre dauern, aber früher oder später passiert es. Sex dient demnach der zielgerichteten schnellen Befriedigung der Lust (und nebenbei der Reproduktion), während Liebe ein viel komplexeres und abstraktes Gefühl darstellt.

Im Umkehrschluss von Magdalena Landmann, der Heldin aus Ulrike Kronecks Roman „Ehe, Affären und andere Vergnügen“, bedeutet das: Ein lustvoller Seitensprung ist nicht das Ende einer festen Liebesbeziehung. Im Gegenteil, wenn einer von beiden zwischendurch Lust auf einen Dritten hat, dann sollte man es ausleben, ohne dass die Beziehung daran scheitert.

Diese These widerspricht im Kern unserem Ideal von der romantischen ewigen Liebe, wie sie sich nicht nur in der Ehe manifestiert. Eine solche Partnerschaft würde durch jeden Seitensprung in ihren Grundfesten erschüttert. Dass diese Vorstellung historisch betrachtet noch recht jung ist und die Zeiten, in denen Ehen arrangierte Beziehungen mit zahlreichen „Nebenschauplätzen“ waren, noch nicht lange zurückliegen, hindert uns nicht, eine Affäre entweder als unmoralisch oder sogar liebestötend zu betrachten.

Philipp_Otto_Runge_Wir_dreiIdeal der romantischen Liebe: Philipp Otto Runge „Wir drei“ (1805), ehemals Kunsthalle in Hamburg (1931 verbrannt)

Dass beides nicht der Fall sein muss, belegt Ulrike Kroneck bzw. ihre Romanheldin Magdalena am Beispiel von einigen befreundeten Paaren, die sich in „Ehe, Affären und andere Vergnügen“ nach allen Regeln der Kunst gegenseitig und manchmal auch untereinander betrügen, resp. vergnügen. Gleichzeitig widerlegt sie ihre eigene These, weil Magdalena selbst – auch nach zwei gescheiterten Ehen – immer noch den einen, den Richtigen sucht … und am Ende auch findet.

Ein Stoff (oder „Plot“) wie gemacht für Fernsehfilme, die im etwas anspruchsvolleren TV-Unterhaltungsprogramm gezeigt werden: kritischer und humorvoller als die seichten Sonntagsfilme im ZDF, aber nicht so nervenaufreibend und brutal wie die Krimi-Formate in der ARD.

Eine schöne Doppelbödigkeit hat sich Ulrike Kroneck am Ende von „Ehe, Affären und andere Vergnügen“ noch einfallen lassen: Im Roman entschließt sich Magdalena nach einem gescheiterten Anlauf als evangelische Eheberaterin einen eigenen Ratgeber-Blog einzurichten, über den sie selbst schließlich auch ihre neue Liebe findet. Das Doppelbödige daran: Magdalenas Blog gibt es wirklich! www.meine-liebhaberei.de

Magdalenas_Blog

Hier wird Fiktion zur Realität, denn hinter „Magdalenas Blog“ steckt natürlich niemand anders als ihre Schöpferin Ulrike Kroneck, die ihre LeserInnen als zertifizierte Psychodrama-Leiterin zum Thema „Liebhaberei“ berät.

Doppelbödig. Doppeldeutig.

Im ihrem Kriminalroman „Grundlos“, an dessen Fortsetzung Ulrike Kroneck gerade schreibt, wird (fast möchte man schon sagen: typisch Kroneck) der Schuldige am Ende schuldlos schuldig. Wie, soll hier nicht verraten werden. „Grundlos“ ist kein klassischer „Whodunit“-Krimi, denn der Mörder steht bereits nach wenigen Seiten fest. Wie er überführt wird, das ist das Spannende an diesem Roman.

Mit der traumatisierten Lena, die als Zeugin „grundlos“ zur Beteiligten wird, gelingt Ulrike Kroneck ein großartiger Charakter, der über das Format „Krimi“ hinaus weist. In ihrer deprimierenden Darstellung von Drücker-Kolonnen und Call-Centern rückt die Autorin eine (in ihrer Heimat überproportional vertretene) zweifelhafte Branche kritisch in den Fokus.

Die Ermittler heißen (Johanna) Kluge und (Jakob) Besser – Namen, die Programm sind: Während der jüngere Jakob ein notorischer Besserwisser ist, beschränkt sich Johannas Klugheit auf ihren Beruf; den Ehebruch ihres Mannes bemerkt sie erst, als am Nebentisch im Restaurant eine aufgekratzte Blondine vor ihren Freundinnen mit ihrem neuen Liebhaber prahlt und Johanna erkennen muss, dass da gerade sehr offen über ihren Mann Paul geredet wird.

Fricke_BlöcksAufgekratzte Blondine am Nebentisch: Restaurant Fricke-Blöcks in Osnabrück

Diese Szene spielt im Restaurant Fricke-Blöcks im Osnabrücker Katharinenviertel. Aber sie könnte auch genauso gut im „Pschorr“ am Münchener Viktualienmarkt spielen. Dass sie es nicht tut, macht aus dem Roman „Grundlos“ heutzutage schon einen Regionalkrimi.

Ulrich Ritzel, einer der besten deutschen Krimi-Autoren lässt seinen Kommissar Berndorf meistens in und um Ulm herum ermitteln. Niemand käme auf die Idee, „Die schwarzen Ränder der Glut“ oder seine anderen Romane als Regionalkrimi … ja, man muss mittlerweile sagen: zu verunglimpfen.

Schreibt er besser? Geschmacksache. Möglicherweise war der ehemalige Gerichtsreporter auch einfach nur eher da. Seine ersten Romane erschienen vor dem großen Boom im Schweizer Libelle-Verlag. Heute publiziert er bei einer „Major Company“ (btb/Random House).

Ulrike Kroneck gehört zu den Dutzenden deutscher Regionalkrimi-Autoren, die sich für ihre Verlage rechnen, weil Lokalkolorit vor allem vor Ort gut verkauft und zumindest vierstellige Auflagen garantiert. Eine gute Handvoll Osnabrücker Autoren teilen sich den Markt für Mord & Todschlag in der Friedensstadt, u.a. Alida Leimbach, die wie Ulrike Kroneck ebenfalls im Gmeiner-Verlag veröffentlicht, Michael Hopp dem mit seinem Kommissar Lübbing bisher wohl bekanntesten Osnabrück-Krimi-Autor, oder Heinrich-Stefan Noelke, ein Spross der Versmolder Gutfried-Dynastie, dessen beiden Bücher „Tod an der Hase“ und „Piesberg in Flammen“ ihren Osnabrück-Bezug bereits im Titel führen.

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Leben kann keiner der Genannten von der Schriftstellerei. Ulrike Kroneck arbeitet „hauptberuflich“ als Lektorin, u.a. für Ratgeber-Literatur, und veranstaltet regelmäßig Schreibwerkstätten auf ihrem Bauernhof, einem Kleinod in Melle-Buer: Creative Writing im Landlust-Ambiente.

Sie ist „eine selbstbewusste, erfolgsorientierte, willensstarke (Frau). Schöpferischer Geist, etwas Elitäres und das Bedürfnis nach Anerkennung, sind (ihre) Handlungsmotive.“

Das schreibt nicht etwa der Autor dieses Beitrags, sondern die Zeitschrift Brigitte in ihrem Horoskop. Ulrike Kroneck glaubt nicht an Astrologie, kennt aber ihr Sternzeichen ganz genau: Stier, Aszendent Löwe. Und sie zitiert Nils Bohr, den dänischen Physiker und Nobelpreisträger, der, auf ein Hufeisen angesprochen, das er über seiner Tür hängen hatte, sagte:

„Ich denke, es wirkt auch, wenn man nicht daran glaubt.“

Also weiter im Brigitte-Horoskop:

Stier, Aszendent Löwe „arbeitet gerne in leitender, unabhängiger Position. Verlagstätigkeiten, wie z.B. die Lektorin, die Chefredakteurin, sind auch erwünscht.“

Bevor Ulrike Kroneck sich als Lektorin und Schriftstellerin selbstständig machte, war sie Werbetexterin beim Cornelsen-Verlag in Berlin.

Brigitte sagt dazu:

„Dem persönlichen Leben den gleichen Glanz abzugewinnen wie der Berufsebene, fällt oft etwas schwerer. Innige Nähe ist durch frühkindliche Erfahrungen bedingt oft eher etwas wenig Trainiertes. Deswegen gibt es häufig einen großen Kreis von Freunden, Gleichinteressierten, Gleichgesinnten, die das häusliche Sein aufpeppen. Beziehungstechnisch gesehen muss die ideale Ergänzung hier loslassen und lassen können, darf weder besitzergreifend noch anspruchsvoll, speziell bezogen auf Zeit und Anwesenheit, der Gemeinsamkeit zu zweit, auftreten. Gut: ein unkonventioneller Mensch, der Unruhe, Uneinschätzbarkeit, einen variablen Lebensrhythmus faszinierend findet.“

Und zu guter Letzt:

„Liebe, spannend, aufregend, ja. Alltag, nein danke!“

Ulrike Kroneck wird mir diesen Kunstgriff hoffentlich verzeihen. Wer sie lebendig und lesend erleben will, sollte sich unbedingt diesen Termin merken:

Dienstag, 14. April, 19.30 Uhr, im Universum in Bramsche: Ulrike Kroneck liest aus Ihrem neuen Roman „Selbstgerecht“.