Werbung Osnabrück


Frisch, verliebt.

| Reinhard Stiehl

Tragisches Traumpaar. Filmreif. Das erste, was einem einfällt, wenn man von der vierjährigen Beziehung liest, die Max Frisch und Ingeborg Bachmann zwischen 1958 und 1962 führten. Lange her? Ja, aber hochaktuell! (Und immer noch nicht verfilmt.)

ER: nach seinen Roman-Bestsellern „Stiller“ und „Homo Faber“ sowie zahlreichen erfolgreichen Theaterstücken auf dem Weg zum Weltstar. SIE: Enfant Terrible der Gruppe 47, „Femme Fragile“ der deutschen Literaturszene, Projektionsfläche für die Phantasien ihrer männlichen Kollegen, Covergirl des SPIEGEL. (Und frisch getrennt von ihrer großen Liebe Paul Celan.)

Namensvetterin Ingeborg Gleichauf hat daraus ein großartiges Buch gemacht:

Gleichauf_Buch_Cover

Es begann („durchaus romantisch“, wie Max Frisch es wohl ausdrücken würde) im Café Châtelet in Paris. Es endete vier Jahre später in der Via de Notaris in Rom. Am 3. Juli 1958 ließ Frisch die französische Premiere seines Stückes „Biedermann und die Brandstifter“ für Ingeborg Bachmann sausen. Im September 1962 ließ er Bachmann für eine 28 Jahre jüngere Literaturstudentin sitzen, die Bachmann ihm sogar noch selbst vorgestellt hatte. Elf Jahre später, 1973, starb Ingeborg Bachmann mit 46 Jahren unter mysteriösen Umständen bei einem Brand ihres Hauses in Rom. Obwohl die Beziehung längst beendet war, kämpfte Max Frisch zeitlebens mit seinen Schuldgefühlen. (Die Zeitschrift „Emma“ titelte reißerisch: „Es war Mord.“)

Aber so einfach ist es natürlich nicht, denn die psychisch labile Bachmann ließ den krankhaft eifersüchtigen Frisch wohl nie das Gefühl der Liebe spüren, die er für sie empfand. Wahrscheinlich hatte sie auch während der Beziehung mit dem Schweizer Schriftsteller ihre Liebhaber. Matrosen hatten es ihr besonders angetan. Dennoch litt sie mehr unter der Trennung als er, der selbst ebenfalls kein Kind von Traurigkeit war.

Max_Frisch Max Frisch zuhause in der Via de Notaris, Rom
Foto: wahrscheinlich Ingeborg Bachmann, © Max Frisch-Archiv, Zürich

Nach einem Nervenzusammenbruch weist sich Ingeborg Bachmann im November 1962 selbst in die Bircher-Benner-Klinik in Zürich ein. Ingeborg Gleichauf schreibt darüber (fast schon in „Max-Frisch-Manier“):

Einmal besucht Frisch sie, bewundert den herrlichen Blumenstrauß in ihrem Krankenzimmer. Sie erzählt von einem Mann, der ihn ihr geschenkt hat. Es stimmt nicht, es gibt diesen Mann nicht. Jeden Tag schenkt Bachmann sich 35 rote Rosen.

Die zentrale These des Buches: Max Frisch war verliebt in Ingeborg Bachmann. Ingeborg Bachmann war verliebt in die Liebe. (Es gibt viele Fotos von den beiden, aber kein einziges, das sie zusammen zeigt.)

Beide – Frisch und Bachmann – verarbeiteten ihre gescheiterte Beziehung literarisch. Nicht eins zu eins, nicht autobiografisch, aber deutlich genug: Frisch in seinem dritten Roman „Mein Name sei Gantenbein“ (1964), den er bereits während seiner Beziehung mit Bachmann begonnen hatte; Bachmann in ihrem ersten (und einzigen) Roman „Malina“ (1971). Die Beziehung des Dramatikers und der Dichterin überstrahlt bis heute diese beiden literarischen Werke. Generationen von Rezensenten haben darüber gestritten, ob man das dürfe … einen Roman so schreiben … einen Roman so interpretieren.

Ingeborg-Bachmann-Malina

Aufschluss darüber – nein, nicht wie es wirklich war, aber wie es empfunden wurde – könnte der Briefwechsel zwischen den Liebenden geben. Aber der ist auf lange Zeit gesperrt. Am meisten sperren sich die Nachfahren von Ingeborg Bachmann.

Bewegen wir uns also im Bereich der Legende? Ist Ingeborg Gleichaufs Buch mehr Belletristik als Sachbuch? Weder noch. Oder beides gleichzeitig. Und das macht es so spannend. Denn hier schreibt eine in Sachen Bachmann und Frisch überaus kompetente Autorin. Über Ingeborg Bachmann hat sie promoviert. Über Max Frisch eine Biografie verfasst. Man darf sie getrost als Kennerin beider Autoren bezeichnen.

Gleichauf Ingeborg Gleichauf (re.) mit ihrer Tochter Imogen (Foto: privat)

Hinzu kommen einige untrügliche Daten und Fakten, die sich jenseits aller Interpretation einfach nicht leugnen lassen. Was das Buch aber wirklich einzigartig in seiner Art macht, ist die erzählerische, mitunter fast poetische Beschreibung dieser Liebesbeziehung. Ingeborg Gleichauf ist keine Chronistin, das Thema geht ihr ans Herz. Sie leidet mit ihm, Frisch, und hadert mit ihr, Bachmann. Oder umgekehrt. Der Perspektivwechsel fällt ihr nicht schwer. Ingeborg Gleichauf ist in der Geschichte. Es scheint, als wäre sie ein Teil von ihr.

Diese „Hautnähe“ zu ihrem Stoff ist das Besondere an diesem Buch. Es gibt ihm überhaupt erst seine Berechtigung, hebt es heraus aus der wilden Spekulation, aber auch aus der reinen Fiktion. Ein sehr persönliches Buch.

Aktuell ist der 1991 gestorbene Max Frisch mit seinen soeben veröffentlichten Tagebuch-Auszügen „Aus dem Berliner Journal“ wieder in allen Bestsellerlisten vertreten. Offenbar hat er auch den Lesern des 21. Jahrhunderts noch etwas zu sagen. 1973 war er nach nach Berlin-Friedenau gezogen. Das Berliner Journal datiert aus der Zeit von 1973 bis 1979.

mfa_flyer

Auszüge auch deshalb, weil knapp 70 Manuskriptseiten aus „persönlichkeitsrechtlichen Gründen“ ausgespart blieben. Ob diese Lücken seine zweite Frau Marianne, geb. Oellers, betreffen, die sich – als „Nachfolgerin“ von Ingeborg Bachmann – stets dagegen verwehrte, von ihrem Mann als literarisches Material missbraucht zu werden, kann man nur mutmaßen.

In seinem Tagebuch 1966-1971 zitiert Frisch seine zweite Frau mit dem Satz:

Ich habe nicht mit Dir gelebt als literarisches Material, ich verbiete es, dass Du über mich schreibst.

Bereits ein Jahr nach dem Umzug, 1974, hatte Frisch bei einer Lesereise durch die USA eine Affäre mit der 32 Jahre jüngeren Alice Locke-Carrey, der späteren „Lynn“ aus seinem Meisterwerk „Montauk“ (1975). Nach der Scheidung von seiner zweiten Frau Marianne 1979 lebte er ab 1980 vier Jahre mit Alice/Lynn zusammen.

Frisch und die Frauen, Bachmann und die Liebe: Stoff genug für eine wahrhaft filmreife Biografie. Das Buch von Ingeborg Gleichauf liefert dazu die Vorlage für die wohl leidenschaftlichste Episode.