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Gregor Sanders’ neuer Roman „Was gewesen wäre“ handelt vom Fälligen, das uns zufällt.

| Reinhard Stiehl

Zufall, dass Astrid, die Hauptfigur in Gregors Sanders neuem Roman „Was gewesen wäre“, ausgerechnet in Budapest ihre alte Jugendliebe Julius wiedertrifft? Zufall, dass diese Astrid ausgerechnet Kardiologin in einem Kathederlabor ist, die ihren Patienten sogenannte Stents (Gefäßstützen) in verstopfte Herzkranzgefäße implantiert? Zufall, dass ich mich – ohne das zu wissen – ausgerechnet für dieses Buch als Lektüre entscheide, nachdem ich selbst einen solchen Eingriff hinter mir habe?

„Am Ende ist es immer das Fällige, was uns zufällt“, notierte Max Frisch in sein erstes Tagebuch, „(…) der Zufall zeigt mir, wofür ich zur Zeit ein Auge habe“. Frisch behauptete sogar, „(…) daß uns nichts erreicht, was uns nichts angeht, und daß uns nichts verwandeln kann, wenn wir uns nicht verwandelt haben.“

Was gewesen wäre“ von Gregor Sander liefert uns die passende Geschichte dazu.

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Die junge Astrid lernt Julius auf einer Party am See kennen. Ihre beste Freundin Jana will die beiden verkuppeln. Es klappt so leidlich. Zwar verliebt sich Astrid Hals über Kopf in Julius, aber was genau er für sie empfindet, ist höchst ambivalent. Es entwickelt sich eine Liaison, die nicht Fisch/nicht Fleisch ist. Irgendwie haben die beiden eine Beziehung, ohne aber jemals wirklich ein Paar zu werden.

Julius kommt dabei ganz nach seinem Vater, über den eine Verflossene sagt:

Das war einer, dem du dein Herz gibst, und du weißt, da macht der Hackfleisch draus, und du gibst es ihm trotzdem.

Solche Geschichten kennt man zu Hauf. Diese hat noch zwei Besonderheiten: Die besagte Party findet kurz vor der Wende an einem abgelegenen See in Vorpormmern statt, also in der damaligen DDR; und 25 Jahre später kommt es zu eben jenem Zufall, der Astrid und Julius im Hotel Gellért in Budapest wieder zusammenführt.

Sowohl die Wende-Story als auch das zufällige Wiedersehen sind „Plots“, die man schon ein dutzend Mal gesehen, gehört oder gelesen hat. Der Reiz von „Was gewesen wäre“ besteht allerdings darin, dass nichts so ist, wie es sich zunächst darstellt.

Gregor Sander war 21, als die Mauer fiel. Heute – mehr als doppelt so alt – blickt er zurück auf eine geteilte Lebensgeschichte. Diese innere Teilung findet sich fast überall in seinen Geschichten wieder. Vor 89/90 hatte er in der DDR eine Art duale Ausbildung gemacht („Schlosser mit Abitur“) und anschließend eine Lehre als Krankenpfleger. Nach 89/90 studierte Sander zuerst Medizin in Rostock, später Germanistik in Berlin, um schließlich auf der Berliner Journalistenschule im Pressehaus am Alexanderplatz zu landen.

Gregor_SanderGregor Sander (46), Foto: Tina Ruisinger

Als freier Autor lebt er danach von Stipendien, 2002 erscheinen seine ersten Erzählungen unter dem Titel „Ich aber bin hier geboren“. 2007 folgt „Abwesend“, sein erster Roman, der gleich für den deutschen Buchpreis nominiert wird. Mit dem Erzählband „Winterfisch“ gelingt ihm 2011 der Durchbruch. „Was gewesen wäre“ ist sein zweiter Roman, der ihn endgültig zu einem der besten deutschen Erzähler macht.

Geschickt versteht es Gregor Sander, auch hier eine geteilte Lebensgeschichte zu erzählen. Die Vergangenheit aus der „Vor-Wende-Zeit“ erzählt Astrid noch selbst. (Erstaunlich, wie glaubwürdig es dem männlichen Autor gelingt, die Perspektive seiner weiblichen Hauptfigur einzunehmen!) Die Romangegenwart 25 Jahre später beschreibt der Autor dann wieder aus der Beobachter-Sicht. Großartig, wie souverän er wechselweise beide Erzählperspektiven beherrscht und beide Handlungsstränge behutsam aufeinander zulaufen lässt.

Nach und nach erfährt der Leser so die ganze Geschichte – hinter der Geschichte. Eine kluge Verquickung von Zeitgeschehen und persönlichem Schicksal:

Warum wollte Astrids beste Freundin, die coole Jana, sie eigentlich damals unbedingt mit diesem Julius verkuppeln? Welches Interesse verfolgte sie selbst dabei? (Oder besser: wessen Interessen!)

Und warum nutzt Astrid später ihre Besuchserlaubnis für die BRD nicht, um gleich in Westberlin zu bleiben, wo Jana – inzwischen aus der DDR ausgebürgert – schon auf sie wartet und verspricht, dass Julius über das Schlupfloch Ungarn bald nachkommen wird? Warum kehrt Astrid wieder zurück in den Osten?

Warum schließlich fährt Astrid 25 Jahre später mit ihrem neuen Partner, dem Radiomoderator Paul, ausgerechnet nach Budapest und steigt auch noch just in dem Hotel ab, in dem sie sich früher heimlich mit Julius traf, als beide längst schon wieder in neuen festen Beziehungen steckten?

Hotel_GellertHotel Gellért in Budapest

„Was gewesen wäre“, dieser romantische Gedanke, dem wohl jeder gerne einmal nachhängt, führt bei Gregor Sander geradewegs in die Wirklichkeit: was war. Sander enttarnt den Zufall als eine Fälligkeit, die uns zufällt – und die beglichen werden muss. Dabei werden uns die handelnden Personen so vertraut, dass wir sie am Ende schon fast persönlich zu kennen glauben. Und hier weist der Roman weit über seine Handlung hinaus – auf unsere eigene Geschichte.

Kein Wunder also, dass ich dieses Buch „zufällig“ aus vielen anderen herausgegriffen habe.