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Große Literatur im kleinen Format: „Carl Thorbergs Weihnachten“ von Ferdinand von Schirach ist das beste Last-Minute-Geschenk.

| Reinhard Stiehl

Viele Kritiker und Leser denken bei ihm irrtümlicherweise immer noch an einen schreibenden Rechtsanwalt, dabei ist Ferdinand von Schirach ein großartiger Erzähler. Dieses Prädikat verlieh ihm der SPIEGEL bereits nach seinem ersten Kurzgeschichtenband „Verbrechen“, auf den – nicht weniger erfolgreich – der zweite Band „Schuld“ folgte und schließlich „Der Fall Collini“, Schirachs erster Roman. Allesamt Bestseller.

Carl Thorbergs WeihnachtenReinhard Stiehl und Daniel Over halten dieses Buch für lesenswert.

Im Frühjahr 2012 verschwand der neue Liebling des Feuilletons und gern gesehene Talk-Gast plötzlich von der Bildfläche, sagte sämtliche Lesungen und Termine ab und ward nicht mehr gesehen oder gehört.

„Da ist der Jauch, den kenn ich auch.“

(aus Max Raabe – „Ich bin nur wegen Dir hier“)

Wurde ihm der Medienrummel im In- und Ausland zu viel? Schirachs Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, seine Geschichten wurden verfilmt, er erhielt namhafte nationale und internationale Auszeichnungen für sein Werk. Vor einem Millionenpublikum diskutierte er bei Günther Jauch über Christian Wulff.

Oder schreibt er an neuen Erzählungen und hat er sich deshalb aus der Öffentlichkeit zurückgezogen? In seinem bis dato letzten SPIEGEL-Essay zur Diskussion um das Urheberrecht im Internet formulierte er es im Mai 2012 so:

„Wenn man schreibt, kann man nichts sonst mehr tun. Jede Ablenkung wirft zurück, jeder Anruf, jede E-Mail, jede Verabredung stört. Aber dafür bekommt man etwas anderes, etwas ganz und gar Wunderbares: Man reist in seinem Kopf, man trifft seine Figuren, und am Ende lebt man ganz in seinem Buch. Nach einiger Zeit wird es rauschhaft, trotz aller Anstrengungen – und Schreiben ist oft furchtbar anstrengend – kann es zur Sucht werden.“

Vorläufig gibt es als Neuerscheinung nur sein kleines rotes Büchlein mit dem harmlosen Titel „Carl Thorbergs Weihnachten“. Wer die Bücher von Schirach kennt, weiß indes, dass es auch im „Thorberg“ um Mord & Totschlag geht. Wer Schirachs literarischen Werdegang verfolgt hat, weiß zudem, dass dieses Büchlein nichts wirklich Neues enthält:

Die Titelgeschichte erschien vor ziemlich genau einem Jahr im SPIEGEL – von Andreas Klammt illustriert. Auch die Geschichte „Der Bäcker“, die erste im neuen Büchlein, war bereits als „Graphic Novel“ – von Martin Frei und Nina Nowacki illustriert – auf dem Markt. Nur die dritte der drei Geschichten – „Seybold“ – ist eine Erstveröffentlichung; sie sollte ursprünglich schon im zweiten Kurzgeschichtenband „Schuld“ erscheinen, wurde aber von Schirach selbst wieder verworfen. Er hatte „Schuld“ seinerzeit in Venedig vollendet, wo auch die Geschichte um den Richter Seybold spielt. Zu Benjamin von Struckrad-Barre, der eine Reportage über ihn drehte, sagte von Schirach:

“Wissen Sie was, ich glaube, man darf wirklich kein Wort über Venedig schreiben in Venedig. Ich nehme die Seybold-Geschichte raus aus dem Manuskript. Weg damit.”

Ein erfolgreicher deutscher Künstler mit einer derart konsequenten Haltung wird heutzutage nur noch schwer zu finden sein. Eine Haltung, die Schirach auch in seinen zahlreichen SPIEGEL-Essays zum Ausdruck brachte, die es allemal wert wären, als Buch zu gebunden zu werden. Ein einziges (erstes und letztes) Mal schrieb er über seinen Großvater Baldur, den Reichsjugendführer der NSDAP. Man kann sicher sein, dass es dazu tatsächlich kein geschriebenes Wort mehr von ihm geben wird.

Auch sein letzter Beitrag, den man nicht mehr als Essay bezeichnen möchte, erschien im Sommer 2012 im SPIEGEL. Es war gleichzeitig das bisher letzte literarische Lebenszeichen des Autors. Unter dem Titel „Verstehen Sie das alles noch?“ stellte Schirach „Fragen an die Wirklichkeit“. („Wahrheit & Wirklichkeit“ gehören zu seinen Lieblingsthemen.)

„Geschichten aus der Wirklichkeit“ nannte der renommierte Psychiater und Gerichtsgutachter Hans-Ludwig Kröber sein Buch „Mord“, das im September 2012 das neue Format imitierte, dem Ferdinand von Schirach eine Form gegeben hatte. Ähnlich wie in „Schuldhaft“ von Heidi Kastner oder „Im Angesicht des Bösen“ von Axel Petermann wurden nun allerorten „Täter und ihr Innenleben“ durchleuchtet oder „Ungewöhnliche Fallberichte eines Profilers“ an die Öffentlichkeit gezerrt.

Verschlägt es einem Schriftsteller da nicht die Sprache? Wohl kaum, denn es ist ja gerade die Sprache, die sein Werk von der inflationären Gutachter-Literatur unterscheidet.

„Carl sprach nie viel. Als Kind hatte ihn seine Mutter aus Versehen von der Kommode fallen lassen. Seitdem zog er ein Bein nach.“

In drei Sätzen beschreibt Schirach ein Mutter-Sohn-Verhältnis, das den Leser sofort in den Sog der Geschichte hinein zieht, in dessen Verlauf eine Gabel der festlich gedeckten Familientafel nicht in der Weihnachtsgans, sondern im Hals der Mutter steckt. Es sind die ersten drei Sätze der Thorberg-Geschichte. In der SPIEGEL-Version vom letzten Jahr gingen sie leider völlig unter, da es noch einen überflüssigen Prolog gab, der bemüht war, einen aktuellen Bezug herzustellen. Das braucht die Literatur von Schirach nicht. Im kleinen roten Büchlein wird darauf ebenso verzichtet wie auf die Illustrationen. Auch ein Grund es zu kaufen.

Die Verfilmung von „Glück“, einer Geschichte aus dem ersten Schirach-Buch „Verbrechen“, war 2012 ein Flop an den Kinokassen. Mit nicht einmal 50.000 Besuchern wurde es der am schwächsten besuchte Film, den Doris Dörrie je gedreht hat. Die Verfilmung von „Verbrechen“ als sechsteilige Oliver-Berben-Produktion für das ZDF muss im Frühjahr erst noch zeigen, ob die „skandinavische“ Bildsprache von den Zuschauern angenommen wird … ob Schirachs Geschichten überhaupt verfilmbar sind. (Außer vielleicht von den Coen-Brüdern.)

Ist der Schirach-Hype schon wieder vorbei?

Das hängt davon ab, ob auch der Autor klug genug ist einzusehen, dass er kein schreibender Rechtsanwalt ist, sondern ein Schriftsteller, der den Vergleich mit Ernest Hemingway nicht zu scheuen braucht. Oder war etwa Franz Kafka ein schreibender Versicherungsangestellter? Wolfgang Borcherts Literatur wurde zeitlebens und posthum als Kriegsheimkehrerliteratur diffamiert, obwohl Borchert einer der größten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts war. Auch Schirach schreibt nur vermeintlich über seine Fälle. In Wahrheit schreibt er über sich selbst.

Über sein Weihnachten gibt es von Schirach übrigens auch so einen Drei-Sätze-Anfang mit diesem unwiderstehlichen Sog weiterzulesen:

„In unserem Dorf lag vier Monate im Jahr Schnee. Er war meterhoch und es war immer kalt. Das stimmt natürlich nicht, aber Erinnerungen sind so.“

Er selbst verbringt diese Zeit jetzt gerne woanders:

„Heute versuche ich über die so genannten Festtage wegzufahren. In Mallorca beginnt im Januar die Mandelblüte, das Licht ist weich, und die Luft schmeckt nach Salz. Es ist einfacher dort an den dunklen Tagen.“

„Carl Thorbergs Weihnachten“ ist für kleines Geld im gut sortierten Buchfachhandel erhältlich – und hoffentlich nur eine großartige Episode auf dem Weg zu einem wahrhaft neuen Werk dieses großartigen Erzählers.