Werbung Osnabrück


„Ich will wissen, ob ich das kann.“ – Die Drehbuchautorin Annette Hess.

| Reinhard Stiehl

„Ku’damm 56“ … „Weissensee“ … „Die Holzbaronin“ … „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ … „In aller Freundschaft“ – Serien, Staffeln, Mehrteiler. Quotenhits. Wer schreibt die eigentlich? Annette Hess!

annette_hess_quer_1466761484 Foto: Lucas Wahl

Wer Deutschlands wohl erfolgreichste Drehbuchautorin besuchen will, geht dabei fast über den Deister – den kleinen Deister im Leine-Weser-Bergland. Nördlich davon, auf halber Strecke zwischen Hameln und Hildesheim, lebt sie mit ihrer Familie am Rande des Osterwaldes. Man fährt an einer Wiese mit Lamas vorbei und lässt Salzburg rechts liegen, eine kleine Bauernschaft. Es regnet. Dunstschwaden steigen aus den Bäumen auf. Märchenwald … Hexenwald.

Ihr Mann, ein freischaffender Künstler, weiß von nichts, ist aber sehr freundlich und bietet Kaffee an. Hier kommen wohl öfter Leute, die seine Frau sprechen wollen. Denn Annette Hess ist die „Große Unbekannte“ des deutschen Films, wie Peter von Becker sie im Tagespiegel nannte. Der Filmstar, den keiner kennt.

Eigentlich wollte sie Malerin werden wie ihre Mutter. Oder Innenarchitektin. Nun malt sie mit Worten und entwirft Storyboards.

Drehbücher interessieren mich, seitdem ich selbst eins schreibe. (Gemeinsam mit zwei richtigen Drehbuchautoren.) Im August müssen wir liefern. Deshalb will ich alles über Drehbücher und ihre Autoren wissen. Auf Annette Hess bin ich durch „Stichwort Drehbuch“ gestoßen, denn dort findet man einige Original-Drehbücher von ihr:

Zum Beispiel alle 6 Folgen der ersten Staffel von „Weissensee“.

Oder sämtliche drei Teile von „Ku’damm 56“.

Beide Fernsehfilme habe ich mit Begeisterung gesehen. Jetzt lese ich die Drehbücher dazu. Und möchte die Autorin kennenlernen. Das geht leichter als ich dachte. Ich versuche es über ihre Agentin, die auch den Schriftsteller Wolf Hass vertritt, über den ich bereits in diesem Blog geschrieben habe. Die Hamburger Medienagentur Sybille Seidel stellt den Kontakt zu Annette Hess her. Den Termin machen wir selbst aus.

In einem Podcast, ebenfalls auf „Stichwort Drehbuch“, habe ich gehört, dass sie sich für ihre schreibende Zunft stark macht. Denn Drehbuchautoren fristen in Deutschland meistens ein einsames, selbstausbeuterisches Dasein, gehen ständig in Vorleistung, werden schlecht bezahlt und lassen sich von ihren Produzenten und Regisseuren überall reinreden. Sie sind devot oder bestenfalls zynisch und sarkastisch, schreiben ihre Bücher zigmal um und müssen schließlich mitansehen, wie ihr Werk von anderen verhunzt wird. Nicht selten liefern sie ein Buch ab, das von einem ihrer geschätzten Kollegen noch einmal komplett umgeschrieben wird.

Klischee? Vorurteil?

Annette Hess hat diese Erfahrung selbst gemacht. Sie erzählt von ihrer Abschlussarbeit an der HdK (heute UdK) Berlin, wo sie „Szenisches Schreiben“ studiert hat. Es war das Drehbuch mit dem wunderbaren Titel „Was nützt die Liebe in Gedanken“. Ein großartiger Stoff, der auf einer wahren Begebenheit beruht, die als „Steglitzer Schülertragödie“ in die Geschichte einging. Hintergrund war ein Liebes- und Eifersuchtsdrama zwischen Berliner Jugendlichen in der Weimarer Republik, deren Sinnsuche in einen Selbstmordpakt gipfelt und am Ende zwei Todesopfer fordert. Achim von Borries hat das Drehbuch 2004 mit Daniel Brühl, August und Anna Maria Mühe verfilmt.

Googelt man den Film bei Wikipedia, findet man dort einen interessanten Eintrag. „Drehbuch: Achim von Borries, Hendrik Handloegten (nach einer Vorlage von Annette und Alexander Pfeuffer).“

Was war passiert?

Gemeinsam mit Alexander Pfeuffer hatte Annette Hess den Stoff zuerst in einem Hörspiel verarbeitet, das 1998 vom Deutschlandfunk produziert wurde, und später ein Drehbuch daraus entwickelt, das sie an einen Produzenten verkaufte … der einen neuen Autor darauf ansetzte. Ihr Buch wurde umgeschrieben und in der überarbeiteten Version verfilmt. Die Autorin hatte keinen Einfluss mehr darauf. „Ich fuhr zur Premiere“, erzählt sie, „konnte mich dann aber nicht überwinden ins Kino zu gehen und wartete im Foyer, bis die Leute wieder rauskamen.“ Sie brauchte Jahre, bis sie sich den Film das erste Mal im Fernsehen anschauen konnte.

Diese Erfahrung hat sie geprägt. Aber es gab auch gute. Zum Beispiel die Chance, für den Dauerbrenner „In aller Freundschaft“ zu schreiben. Für ihren Geschmack wird in der MDR-Krankenhaus-Serie zwar zu wenig gestorben, aber das Publikum will es so. „Ich bin schon zufrieden, wenn es mir gelingt, die Zuschauer an einer Stelle zum Weinen zu bringen“, sagt sie.

Mit der „Frau vom Checkpoint Charlie“ lieferte Annette Hess einen Quotenhit ab. Im 2.Teil sahen 9,12 Mio. Zuschauer (28% Marktanteil) 2007 eine herzergreifende Veronica Ferres als ausgebürgerte DDR-Mutter, die im Westen wie eine Löwin um ihre zurückgelassenen zwangsadoptierten Kinder kämpft.

Frau vom Checkpoint Charlie

Von der Film-Story stimmte nicht mal die Hälfte und Annette Hess hätte auch diese Figur gerne vielschichtiger erzählt, denn Jutta Fleck (geb. Kessel, gesch. Gallus), deren Geschichte als Vorlage für den Film diente, ist im wahren Leben eine durchaus ambivalente Frau und nicht der Gutmensch, als den Hess sie im Drehbuch angelegt und Ferres sie im Film dargestellt hat. Aber in einem ARD-Zweiteiler zur besten Sendezeit war für eine solche Differenzierung kein Platz.

Gleiches gilt für „Die Holzbaronin“, ein dreistündiges ZDF-Epos, mit dem Hess 2013 einen weiteren Quotenhit landete: 24,6 % Marktanteil – und das bei zeitgleicher Übertragung eines DFB-Pokalspiels in der ARD. Christine Neubauer als Holzbaronin Elly Brauer, geb. Seitz, verkörperte sozusagen das dralle, wenngleich dunkelhaarige Gegenstück zur Status-Blondine Veronica Ferres. Starke Frauen, die besonders beim weiblichen Publikum gut ankommen (und vom männlichen auch nicht verachtet werden). Fehlt eigentlich nur noch Maria Furtwängler.

Aber Annette Hess lamentiert nicht, wie es viele ihrer frustrierten Kollegen tun. Sie schreibt einfach ein noch besseres Buch. Eins, dass nicht auf einer wahren Begebenheit oder auf einer Romanvorlage beruht, sondern von ihr selbst erdacht ist und dennoch mehr Wahrheit enthält als die vermeintliche Wirklichkeit.

Sehnsuchtsorte

Bevor wir zu „Weissensee“ und „Ku’damm 56“ kommen, die den endgültigen Durchbruch für Annette Hess bedeuteten, gilt es noch auf zwei persönliche Sehnsuchtsorte der Autorin einzugehen: Westdeutsche Heimatfilme der 50er Jahre. Und die DDR der 70er/80er Jahre.

Beides „Orte“, mit denen Annette Hess bestimmte Vorstellungen verbindet. Und die liegen gar nicht so weit auseinander. Denn sowohl die frühen Jahre in der jungen Bundesrepublik als auch die späteren Jahre der maroden DDR stehen für eine ebenso heimelige wie scheinheilige Welt aus versorgt und behütet sein einerseits – kontrolliert und bevormundet werden andererseits. Eine trügerische Gemütlichkeit, in der man sich durchaus gut einrichten kann.

Und in beiden Teilen Deutschlands gibt es diese Brüche, die sich am ehesten in den Familien zeigen. Das interessiert Annette Hess. Ob Wiederaufbau und Wirtschaftswunder hüben oder Planerfüllung und realer Sozialismus drüben: hinter den geputzten Fassaden im Westen wohnte die „bleierne Zeit“ und im baufälligen Osten schaute die „VEB Horch und Guck“ regelmäßig nach dem Rechten.

Annette Hess schafft es, beide Welten so zu inszenieren, dass die Fernsehzuschauer sich wiedererkennen, ohne sich bloßgestellt zu fühlen oder – sofern sie jünger sind und die alten Zeiten nicht selbst erlebt haben – staunend die brüchige Welt ihrer Eltern entdecken.

„Weissensee“, die ARD-Serie über einer Ost-Berliner Stasi-Familie voller innerer Widersprüche, und „Ku’damm 56“, der ZDF-Dreiteiler über eine West-Berliner Tanzschulfamilie zwischen kleinbürgerlichem Benimm und sexuellem Aufbegehren erzählen die Geschichte so gut, dass sie es locker mit den gefeierten Formaten amerikanischer Netflix-Serien aufnehmen können.

Die im Film gesprochene Sprache beschäftigt Annette Hess ganz besonders. Denn die eigentliche Kunst bestehe darin, Dialoge zu entwickeln, die nicht die Sprache von heute, aber auch nicht die der Zwanziger Jahre wiedergebe, sondern eine eigene Kunst-Sprache zu erfinden, die der Zuschauer weder als eine auf modern getrimmte noch als eine allzu historisch-authentische empfinde. Eine Begrüßung mit den Worten „Na, Alter …“ sei da zum Beispiel ein No-Go in einem Film, der 1927 spielt.

Ahoi!

Bei ihren Recherchen zur Serie „Weissensee“ stieß sie (als geborener „Wessi“) auf eine für die DDR typische Ausdrucksweise, die sie später in ihrem Drehbuch aber bewusst wegließ. „Die Leute drüben begrüßten sich damals in der DDR mit ‚Ahoi!’ – das hätte hier niemand verstanden.“ Dass Weissensee dennoch ein großer Erfolg wurde (die 4. Staffel ist bereits beschlossene Sache), insbesondere bei den „Ossis“, liegt wohl auch daran, wie genau Annette Hess in den Dialogen ihrer Drehbücher genau den richtigen Ton traf.

Um sich in Stimmung zu bringen für den Sehnsuchtsort DDR, zündete sie auch schon mal ein Stück Braunkohle an, merkte dann aber bald, dass es nicht funktionierte. Es fehlte nicht nur der Schornstein, sondern das ganze Drumherum.

Für die zweite Staffel von „Weissensee“ hat Annette Hess das Konzept für alle 6 Folgen geschrieben, aber nicht die finalen Drehbuchfassungen; für die dritte Staffel dann wiederum das Konzept für alle 6 Folgen, aber nur 3 der 6 Drehbücher. Bei der vierten Staffel macht sie nicht mehr mit. Für sie ist die Geschichte „auserzählt“. Sie ist stattdessen beschäftigt mit der Fortsetzung von „Ku’damm 56“.

Annette Hess hat es geschafft, nicht nur ein Regie-Veto in ihren Verträgen durchzusetzen, sondern bei allen künstlerischen Entscheidungen (Casting, Look, Musik, Schnitt) volles Mitspracherecht zu haben.

Ich habe mir in den letzten 15 Jahren peu a peu immer mehr gestalterischen Einfluss vertraglich festlegen lassen. Bei Kudamm bin ich jetzt Showrunnerin, d.h. ohne mein Einverständnis wird keine einzige künstlerische Entscheidung mehr getroffen.

Ihr sei bewusst, dass sie sich damit eine Sonderstellung erkämpft habe. Aber vielen Kollegen, denen sie das erzähle, mache das Mut und sie forderten jetzt auch mehr Macht für sich. „Die Zeiten für uns Autoren sind gut“, sagt Annette Hess, „denn wir sind die Romanerzähler unserer Zeit.“ Dieses Bewusstsein sickere auch in Deutschland langsam durch.

Farø

Hess versteht sich selbst als Künstlerin, was durchaus nicht typisch ist für ihren Berufszweig. Ihr großes Idol ist Ingmar Bergmann, der fast die Hälfte seines Lebens auf auf Farø, der schwedischen Ostseeinsel nördlich von Gotland verbrachte. Hier möchte Annette Hess einmal leben, falls sie jemals ihr Hexenhaus im Märchenwald verlässt. (Sie sieht ja jetzt schon aus wie die Tochter von Liv Ullmann.) Noch begnügt sie sich damit, Drehbücher für die deutsch-schwedische ZDF-Krimiserie „Der Kommissar und das Meer“ zu schreiben, die auf Gotland spielt – mit Walter Sittler als Kommissar und Ex-Pippi-Langstrumpf-Schauspielerin Inger Nilsson als Gerichtsmedizinerin.

Vorerst arbeitet sie an diversen neuen Drehbüchern und schreibt parallel ihren ersten eigenen richtigen Roman. Warum? „Ich will wissen, ob ich das kann.“ Wer einmal ein (noch) nicht verfilmtes Drehbuch von Annette Hess lesen will, findet hier eine Vorlage.