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Innere Schlachtfelder – „Kriegsenkel“ von Sabine Bode.

| Reinhard Stiehl

Es gibt Bücher, die sind wie ein Schlüssel zur eigenen Seele. Das können Romane, Erzählungen oder Gedichtbände sein. In diesem Fall ist es ein Sachbuch: „Kriegsenkel“ von Sabine Bode. Die längst fällige Auseinandersetzung der „Baby-Boomer“ (Jahrgang 1960-1975) mit ihren Eltern, den Kriegskindern (Jahrgang 1930-1945). Denn die haben ihren Kindern nicht nur ihr Wirtschaftswunder vererbt, sondern auch ihr Kriegstrauma.

Taschenbuchausgabe

Helmut Kohl (Jahrgang 1930) nannte es „Die Gnade der späten Geburt“, die ihn im Nationalsozialismus nicht habe schuldig werden lassen. Helmut Kohl war kein Nazi. Er ist nicht verantwortlich für das „Dritte Reich“, für den II. Weltkrieg oder für den Holocaust. Als Kind besuchte er ab 1936 die Grundschule in Ludwigshafen und später die dortige Oberrealschule. Als 14jähriger wurde er 1944 in den Odenwald und später nach Berchtesgaden verschickt. Dort erhielt er als Hitlerjunge zwar noch eine vormilitärische Ausbildung, aber zu einem Einsatz als Flakhelfer kam es nicht mehr.

Kriegskind: Helmut Kohl

Das vielleicht einschneidendste Kriegserlebnis Helmut Kohls war der frühe Tod seines großen und verehrten Bruders Walter, der als Soldat im November 1944 bei einem Tieffliegerangriff in der Nähe von Münster getötet wurde. Später nannte er seinen ersten Sohn nach ihm.

Helmut Kohl ist unschuldig. Auch seine Frau Hannelore, geb. Renner (Jahrgang 1933) ist unschuldig. Als Tochter eines sogenannten „Wehrwirtschaftsführers“ – ihr Vater war Prokurist des größten Rüstungsbetriebs in Mitteldeutschland – wuchs sie zwar in einer Nazi-Familie auf, aber das war später kein Thema mehr. Nach dem Krieg hatte Hannelores Vater ein kleines Ingenieurbüro und „Püppie“ (Hannelores Spitzname) half ihrem Vater bei den Schreibarbeiten. 1952 starb Wilhelm Renner an einem Herzinfarkt.

„Wie ein Zementsack“

Hannelores persönliche Kriegserlebnisse sind allerdings noch einschneidender als die ihres späteren Gatten. Während des letzten Kriegswinters leistete sie als 11jährige Bahnhofsdienst in Döblin, versorgte Verwundete von der sowjetischen Front, wechselte Verbände und half beim Bergen von Toten. Sie kümmerte sich um Flüchtlinge, die sich in einem erbärmlichen Zustand befanden. Und sie sah die erfrorenen Säuglinge, die die Flucht nicht überlebt hatten. Im Alter von 12 Jahren wurde Hannelore Kohl in den letzten Kriegstagen von sowjetischen Soldaten mehrfach vergewaltigt und (Zitat:) „wie ein Zementsack“ aus dem Fenster geworfen. Sie zog sich dabei eine Wirbelverletzung zu, unter der sie zeitlebens zu leiden hatte.

Kriegskind: Hannelore Kohl

Ihre seelischen Leiden verdrängte sie bis zu ihrem Selbstmord mit einer psychosomatischen Lichtallergie. Nachdem sie bereits 1993 versucht hatte sich umzubringen, nahm sie sich 2001 das Leben.

Helmut und Hannelore Kohl sind typische Kriegskinder. Sie waren unschuldig am Krieg und doch haben sie sich schuldig gemacht. An ihren Söhnen, den Kriegsenkeln. Walter und Peter Kohl haben keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater. Das ist symptomatisch für viele Kriegsenkel. Beide schrieben ein Buch darüber. Walter setzte sich kritisch mit der Lichtgestalt seines Vaters auseinander; Peter versuchte seine Mutter ins rechte Licht zu rücken. Ihr Vater hat sie beide dafür verstoßen, denn sie haben ein Tabu gebrochen: Das Totschweigen.

Kriegskinder und Kriegsenkel: Familie Kohl

Das Totschweigen, verharmlosend auch Vertuschen genannt, gehört zu den Kriegskindern wie der Krieg. Man soll die Vergangenheit ruhen lassen und nach vorne schauen. Keine Generation hat ihren eigenen Kindern jemals soviel verheimlicht und vorgemacht wie die Kriegskinder. Während die alten Landser weiter mit ihren Heldentaten prahlten und die Halbstarken oder später die Langhaarigen in bester Nazi-Manier am liebsten ins KZ geschickt oder gleich an die Wand gestellt hätten, schwiegen die Kriegskinder. Sie ertrugen die Demütigungen der Kriegsgeneration, die – „erfolgreich“ entnazifiziert – wieder in ihre alten Funktionen und Positionen zurückgekehrt war: als emotional oder körperlich missbrauchende Lehrer, Ausbilder oder Vorgesetzte.

Die Kriegskinder kompensierten ihr eigenes Trauma durch Arbeit, Disziplin und Leistung. Viele erfolgreiche Unternehmer und bekannte Top-Manager sind aus der Generation der Kriegskinder hervorgegangen. Gleichzeitig traumatisierten sie mit dem Totschweigen nun ihre eigenen Kinder, die Kriegsenkel, denn Kinder haben ein untrügliches Gespür dafür, wenn etwas in der Familie nicht stimmt. Und sie leiden unsäglich darunter, nicht zu wissen was es ist. Psychologen bezeichnen das als „Sekundäres Trauma“.

Kriegsenkel: Peter und Walter Kohl

Den heute 38-53jährigen, die weder den Krieg noch die Nachkriegszeit selbst erlebt haben, mangelte es materiell an nichts. Und dennoch klagen sie über ein schwer gestörtes Verhältnis zu ihren Eltern. Und über tiefgreifende Probleme in ihrer Partnerschaft. Sie sind „unsicher gebunden“, wie es die Psychologie nennt. Ein bei der Generation der Kriegsenkel häufiger Bindungstyp, dem die Eltern – selbst traumatisiert – keinen emotionalen Halt und kein lebensbejahendes Vertrauen vermitteln konnten. Die Folge sind häufig gescheiterte Beziehungen (viele Kriegsenkel blieben kinderlos) und eine tiefe Verunsicherung und Orientierungslosigkeit, die sich im Berufs- und Privatleben der Kriegsenkel breit macht.

Die Gefühlskälte der Kriegskinder gegenüber den Kriegsenkeln tat ein Übriges. Eine Emotionslosigkeit, die als Folge des selbst erlittenen Kriegstraumas in Form von Scham- und Schuldgefühlen an die nächste Generation weitergegeben wurde. Wenn eine heute 80jährige Mutter ihrer 50jährigen Tochter zur Begrüßung nur die Hand gibt statt sie herzlich zu umarmen, wird die emotionale Distanz körperlich spürbar. Dass ihre Mutter als Kriegskind vielleicht vergewaltigt wurde, weiß die Tochter oft nicht, denn ihre Mutter nimmt dieses Erlebnis nicht selten mit ins Grab. Und falls sie redet, fühlt sich die Tochter schuldig und zeitlebens für ihre Mutter verantwortlich. Das Fürsorge-Verhältnis kehrt sich um. (Viele Kriegsenkel kümmern sich aufopferungsvoll um ihre alten Eltern und leiden gleichzeitig unter deren Ich-Bezogenheit.) Gleich wie – das Trauma der Kriegskinder lebt weiter in den Kriegsenkeln.

„Woher weiß der das von mir?“

Diese Frage von Karl Kraus stellte sich mir als Leser immer wieder bei den 18 Schilderungen, die Sabine Bode in ihrem empfehlenswerten Buch „Kriegsenkel“ zusammengetragen hat. Bereits 2009 das erste Mal bei Klett-Cotta in Stuttgart erschienen, mittlerweile in 10. Auflage und auch als Taschenbuch erhältlich, ist „Kriegsenkel“ ein Bestseller geworden.

Nachkriegskind: Sabine Bode, Foto: Uli Regenscheidt

Heute gibt es Foren für „Kriegsenkel“ im Internet und Gruppen, die sich regelmäßig treffen und austauschen. Nach den inneren Schlachtfeldern ein Versuch des emotionalen Wiederaufbaus, der dieses Mal nicht auf Kosten der eigenen Kinder gehen soll. Wenn es dafür nicht schon zu spät ist.