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„Kein Halt nirgends.“ Ingeborg Gleichauf schreibt die etwas andere Biografie der Terroristin Gudrun Ensslin.

| Reinhard Stiehl

Berlin, 2. Juni 1967, heute vor fünfzig Jahren: Bei einer Demonstration stirbt der Student Benno Ohnesorg durch die Kugel eines Polizisten. Sein Tod radikalisiert viele seiner Kommilitonen. Eine davon ist Gudrun Ensslin, die zu einer der gefährlichsten und meistgesuchten Terroristinnen in Deutschland wird und sich fünf Jahre nach ihrer Verhaftung 1977 im Gefängnis das Leben nimmt. Vierzig Jahre später gelingt Ingeborg Gleichauf mit ihrer Biografie „Gewalt und Poesie“ das empathische Portrait einer Frau, die von der Theorie zur Tat schritt und vier Menschen tötete.

Die Ballade von Gudrun und Grete.

Dies ist die Geschichte von Gudrun, die sich mit Hans, der eigentlich Andreas hieß, im Wald verirrte, ihn aus dem Gefängnis befreite und dabei zu Grete wurde. Leider geht die Geschichte von Hans und Grete nicht gut aus. Beide sterben im Stammheim.

Hans_und_Grete„Hans und Grete“ nannte Astrid Proll ihr Foto von Gudrun Ensslin und Andreas Baader

Wozu noch eine weitere Biografie? Ist nicht bereits alles gesagt und geschrieben? Publiziert und vermarktet in Büchern, Bestsellern und Blockbustern? Von der „bleiernen Zeit“ über den „Baader-Meinhof-Komplex“ bis zur (Grete-) Frage „Wer wenn nicht wir“?

Und immer dabei: Gudrun Ensslin, die Dritte im Bunde der Bande.

Ein paar gesammelte Zitate aus Büchern über die Terroristin:

Pfarrerstochter, Waffen- und Klamottenfetischistin; Todesengel; Einflüsterin; die dünne blasse Frau, deren gierige Züge in jungen Jahren noch apart wirkten; die weißgesichtige, überspannte, schrillstimmige Gudrun Ensslin, die davon träumt, sich für eine große Aufgabe zu verzehren – vorzugsweise für eine, die ein geliebter Mann verkörpert.

Der Mann, das war der Hans, formerly known as Andreas, founder of the famous Baader-Meinhof-Gruppe. Besser: Bande! Denn wer Gruppe sagte, war schon ein Sympathisant – und verdächtig.

Die Biografin mit dem sprechenden Namen: Gleichauf.

Die Welt von Ingeborg Gleichauf dreht sich um Frauen: Dichterinnen, Schriftstellerinnen, Philosophinnen. Angefangen bei ihrer Namenvetterin Ingeborg Bachmann über Hannah Arendt bis Simone de Beauvoir. Zuletzt (2015) Geschichten über Schriftstellerinnen in ihrer dritten Lebensphase, jenseits der 60 (Ingeborg Gleichauf ist Jahrgang 1953) oder der sehr persönliche Gedichtband „Danebengeschrieben“ (2016).

Und jetzt die Terroristin? Wie passt das zusammen?

„(…) für mich, die Biografin“ schreibt Ingeborg Gleichauf, „gilt das Eingeständnis, dass ich mich nicht mit Gudrun Ensslin beschäftigen würde, wenn ihr Leben mich nicht auf irgendeine Weise berühren würde.“

Zu Beginn ihrer Biografie räumt die Autorin erst mal mit den Klischees über ihre Protagonistin auf: „Vorurteile halten sich“, heißt es im Vorwort, „Bilder werden reproduziert, Pseudotatsachen wieder und wieder zitiert.“ Auch Gleichauf selbst war nicht frei, sich davon beeinflussen zu lassen und musste „diese immerwährende Selbstunsicherheit“ aushalten.

Cover_Ensslin

Gudrun Ensslin bietet sich als Projektionsfläche geradezu an. Und wie bei einem alten Bildschirm brennen sich die Abdrücke dieser Projektionen irreversibel ein. Screen Burn nennt man diesen Effekt. Und bei Menschen?

Nach dem Erscheinen der Biografie dann die vernichtende oder herablassende Kritik der Rezensenten zu „Poesie und Gewalt“:

„Revolutionsromantik, feministischer Kitsch“ (DIE WELT)

„Mit viel gutem Willen und Geduld nennt man dergleichen eine ,behutsame Annäherung’.“ (SPIEGEL-online)

Die MÜNCHENER ABENDZEITUNG geht behutsamer mit der Biografin um:

„Gleichauf nähert sich der Terroristin in einem sensiblen, feministisch angehauchten Tonfall, der ihrer Biografie über Ingeborg Bachmann entlehnt zu sein scheint. Aber das ist weniger abwegig, als es scheint.“

Über Bachmann hat Gleichauf 1994 in Freiburg promoviert.

Hautnähe zum Stoff

Der einzige Mann, über den die Germanistin bisher geschrieben hat, ist Max Frisch. Zuerst eine Biografie und dann „Eine Liebe zwischen Intimität und Öffentlichkeit“, das Buch über die Beziehung von Max Frisch und Ingeborg Bachmann.

Was mir daran gefiel, gilt auch für „Poesie und Gewalt – Das Leben der Gudrun Ensslin“:

„Ingeborg Gleichauf ist in der Geschichte. Es scheint, als wäre sie ein Teil von ihr. Diese ,Hautnähe’ zu ihrem Stoff ist das Besondere an diesem Buch. Es gibt ihm überhaupt erst seine Berechtigung.“

Dem Portrait von Gudrun Ensslin hat die empathische Biografin nur wenige neue Fakten hinzuzufügen. Darum geht es ihr auch nicht. Sie schaut anders hin. Genauer. Einfühlsamer. Gründlicher. Früher.

AU_GLEICHAUF_LIngeborg Gleichauf (Foto: Eberhard Gleichauf)

Gleichauf entdeckt den Menschen hinter der Mörderin. Die Texterin hinter der Terroristin: „Gudrun Ensslin hätte Schriftstellerin werden können …“.

Das Mädchen mit den Schwefelhölzern

Der Sprache von Gudrun Ensslin gilt auch das Hauptaugenmerk ihrer Biografin. Von den verschollenen Gedichten, die sie als junge Studentin an Günter Eich zur Begutachtung schickte, bis zu ihren kryptischen „infos“ aus der Stammheimer Gefängniszelle, die in Form und Inhalt auch die sprachliche Radikalisierung ihrer Verfasserin wiederspiegeln. Der Komponist Helmut Lachenmann, ein Nachbar Ensslins aus der Kindheit, hat einen frühen, fast poetischen info-Text in seiner Oper „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ verarbeitet – nach einem der bekanntesten Märchen von Hans-Christian Andersen:

der kriminelle, der wahnsinnige, der selbstmörder – sie verkörpern diesen widerspruch, sie verrecken in ihm. ihr verrecken verdeutlicht die ausweglosigkeit / ohnmacht des menschen im system: entweder du vernichtest dich selbst oder du vernichtest andere, entweder tot oder egoist. in ihrem verrecken zeigt sich nicht nur die vollendung des systems: sie sind nicht kriminell g e n u g, sie sind nicht wahnsinnig g e n u g, sie sind nicht mörderisch g e n u g, und das bedeutet: ihren schnelleren tod durch das system im system. in ihrem verrecken zeigt sich gleichzeitig die verneinung des systems: ihre kriminalität, ihr wahnsinn, ihr tod ist ausdruck der rebellion des zertrümmerten subjekts gegen seine zertrümmerung. nicht ding, sondern mensch. (schreibt auf. unsere haut.)

Wie konnte aus der jungen Germanistik-Studentin Gudrun, die in Tübingen Walter Jens und Ernst Bloch hörte und mit einem Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes nach Berlin gekommen war, um über den Schriftsteller Hanns Henny Jahnn zu promovieren, die RAF-Terroristin mit dem Decknamen Grete werden?

Es geht um alles!

Für Ingeborg Gleichauf ist Hanns Henny Jahnn so etwas wie der Schlüssel zu dieser Entwicklung. Die Biografin – selbst begeistert von diesem ebenso umstrittenen wie anspruchsvollen Schriftsteller, einer Art deutschem James Joyce – sieht in der Radikalität der Romantrilogie „Fluss ohne Ufer“, dem Lebenswerk von Hans Henny Jahnn, sozusagen die Regieanweisung für Gudrun Ensslin: der Sprung vom Denken zum Handeln, von der Theorie zur Tat. Von Tübingen nach Berlin. Von ihrer ersten Liebe, dem depressiven Dichter und Dichtersohn Bernward Vesper, zu ihrer großen Liebe, dem narzisstischen Münchener Macho Andreas Baader.

Mit Vesper zeugte Ensslin den Sohn Felix. Für Baader verließ sie beide.

Über das 2.100 Seiten starke Lebenswerk „Fluss ohne Ufer“ von Hanns Henny Jahnn sagte der Schriftsteller Clemens Meyer in einem ZEIT-Interview 2015:

Wenn mich jemand fragt, worum es geht, was soll ich darauf antworten? Es geht um alles! Um Natur, das Dasein, Liebe. Es gibt Sexszenen, Gewalt. Es ist ein unerhörtes Buch. Jahnn bricht die Regeln des Romans und erfindet alles neu.

Das liest sich wie eine kurze Beschreibung des kurzen Lebens von Gudrun Ensslin.

Zur Dissertation über Hanns Henny Jahnn kam es nicht mehr. Nach der gewaltsamen Befreiung von Andreas Baader, der wegen spektakulärer Kaufhaus-Brandstiftungen in Haft saß, gründete Gudrun Ensslin, gemeinsam mit Andreas Baader und Ulrike Meinhof 1970 die Terrorgruppe RAF. Ihre anschließenden Straftaten, von den zahlreichen Banküberfällen über Sprengstoffanschläge bis zur mörderischen sogenannten „Mai-Offensive“, bei der 1972 vier Menschen starben und 74 verletzt wurden, scheinen für Gudrun Ensslin so etwas wie eine „Promotion der Tat“ gewesen zu sein.

Die Radikalisierung von Gudrun Ensslin von der angehenden Schriftstellerin zur brutalen Terroristin hat aber nicht nur diesen einen Grund, sondern mehrere.

Stadtguerillas im Schweinestaat

Äußerlich war es die Studentenrevolte in Berlin, die sich gegen den „Muff von tausend Jahren unter den Talaren“ richtete. Und gegen den imperialistischen Vietnam-Krieg der USA. Für die später „68er“ genannte Generation lebte das „tausendjährige Reich“ Adolf Hitlers in den Strukturen der Bundesrepublik fort. Die BRD, der „Schweinestaat“.

Ohnesorg

Nach dem tödlichen Schuss auf Benno Ohnesorg soll Gudrun Ensslin (unbelegten Quellen zufolge) in eine studentische Veranstaltung gestürmt sein und geschrien haben: „Dieser faschistische Staat ist darauf aus, uns alle zu töten. Wir müssen Widerstand organisieren. Gewalt kann nur mit Gewalt beantwortet werden. Dies ist die Generation von Auschwitz – mit denen kann nicht argumentieren!“ In wenigen Sätzen hätte sie damit das auf den Punkt gebracht, was später die Leitlinie der sogenannten „Stadtguerillas“ wurde: „Rote Armee Fraktion“ und „Bewegung 2. Juni“, die fortan den „Schweinestaat“ mit Anschlägen und Entführungen terrorisierten. Wahrscheinlicher ist, dass es sich bei dem Ensslin zugeschriebenen Auftritt und Zitat nach heutigen Maßstäben um eine Fake News handelt, die immer wieder gerne kolportiert und dadurch irgendwann „wahr“ wurde.

Ingeborg Gleichauf lenkt in ihrer Biografie den Blick denn auch mehr auf die „private“ Gudrun. Und sie verlegt sich auf verlässliche Quellen. Dazu gehören vor allem die Texte, die Ensslin selbst verfasst oder mit denen sie sich intensiv auseinandergesetzt hat. So wie diesen über Hanns Henny Jahnn:

„(…) Es galt ihm, die öffentliche Sittlichkeit als Instanz erst wieder zu reinigen, damit der Mensch, der durch die Fahrt seiner Geschichte vor die Katastrophe gelangt war, sich selbst noch einmal fände.“

Trotz der gespreizten Formulierung, die sich eng an den Stil von Jahnn anlehnt, kommt hier auch die Moralistin zum Vorschein, die „das harmonikale Gebäude des Daseins“ (Jahnn) bauen will. „So sind wir (…) wahre Revolutionäre mit guten Zielen.“ (Jahnn)

Gegen den Tod

Gudrun Ensslin beschäftigte sich Mitte der 60er Jahre verstärkt mit dem, „was mich unmittelbar angeht: Literatur, Theater, Film.“ Sie gründet mit ihrem Verlobten Bernward Vesper zusammen den Kleinverlag „studio neue literatur“ und veröffentlicht 1964 den Band „Gegen den Tod. Stimmen deutscher Schriftsteller gegen die Atombombe“; und sie engagiert sich 1965 in dem von Günther Grass gegründeten „Wahlkontor deutscher Schriftsteller“ für die SPD.

Die Literaturszene dieser Zeit ist politisiert. Man hofft auf Willy Brandt, den regierenden Bürgermeister von Berlin, der als „Kulturmensch“ gilt. Umso größer ist die Enttäuschung, als es 1966 zur ersten großen Koalition aus CDU und SPD kommt. Aber die Beschäftigung mit der Literatur spielt vorläufig weiterhin die erste Geige in Gudrun Ensslins Leben: Hanns Henny Jahn und James Joyce, aber auch der Philosoph Herbert Marcuse gehören zur ihrer Lektüre.

1967 wird zum schicksalhaften Jahr für Gudrun Ensslin. Am 13. Mai wird sie Mutter. Am 2. Juni stirbt Benno Ohnesorg. Am 16. Juli lernt sie den Mann kennen, der ihr bisheriges Leben über den Haufen wirft: Andreas Baader.

Ingeborg Gleichauf zitiert in ihrer Biografie den Schriftsteller Peter O. Chotjewitz, der Andreas Baader so beschreibt:

Er war voller Widersprüche. Intellektuell und spontan, sanft und zupackend, witzig und flink, ungeduldig und cool. Ziemlich sexy … Muskulös, schlank schmalhüftig, immer auf dem Sprung. Mal abweisender, mal zärtlicher Blick. Meistens neugierig, manchmal gelangweilt, zuweilen spöttisch.

Ein Mann, dem keine Frau widerstehen kann. (Und auch kein Mann. Baader war in München Model für ein Schwulenmagazin.)

Eine Zeit lang unterhält Ensslin eine Beziehung zu beiden Männern, Vesper und Baader. Auch ihr Verlobter Vesper hatte immer wieder Geliebte. Und Baader war Vater einer Tochter, die er mit der verheirateten Malerin „Ello“ Henkel (eigentlich Elly-Leonore Henkel-Michel) aus München hatte. Keine heimlichen Affären, sondern offen ausgelebte Dreiecksbeziehungen. Die wilden 60er: „Wer zwei Mal mit derselben pennt …“.

Baader, Belmondo

Im März 1968 verlässt Ensslin ihren Verlobten endgültig und lässt den gemeinsamen Sohn bei ihm zurück. Sie verschwindet mit Baader nach München, treibt sich in der Szene rund um das „action-Theater“ von Horst Söhnlein herum, das später von Rainer-Werner Fassbinder übernommen und als „antiteater“ weitergeführt werden wird. Am 2. April 1968 legen Baader und Ensslin gemeinsam mit Söhnlein und dem Kommunarden Thorwald Proll drei Brände in zwei Frankfurter Kaufhäusern. Der Anfang vom Ende.

Die revolutionäre Romantik der Beziehung von Gudrun Ensslin und Andreas Baader lässt sich am besten aus dem französischen Film „Pierrot le fou“ von Jean-Luc Godard aus dem Jahr 1965 ersehen, in dem Jean-Paul Belmondo – das große Vorbild von Andreas Baader – die Hauptrolle spielt. Sex & Crime gepaart mit einem gehörigen Schuss Anarchie. Baader in seiner Lieblingsrolle als Belmondo, Ensslin als beste Nebendarstellerin der RAF.

Für Ingeborg Gleichauf eine „undurchschaubare, flirrende Gefühlsgemengelage. Kein Halt nirgends.“ – Dieser letzte Satz ist eine Anspielung auf Christa Wolf und ihr Buch „Kein Ort. Nirgends“. Es beschreibt eine fiktive Begegnung der Dichter von Heinrich von Kleist und Karoline von Günderrode zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Zwei Menschen, die sich im wahren Leben nie begegnet sind, die in der Erzählung aber eine tiefe Seelenverwandtschaft verbindet.

Hält die romantische Seelenverwandtschaft Kleist/Günderrode dem Vergleich mit der Revoluzzer-Beziehung von Baader/Ensslin stand? Warum spielt Ingeborg Gleichauf darauf an? Da hilft ein Blick ins Original, wo es im vollständigen Text heißt:

„Unlebbares Leben. Kein Ort, nirgends“.

„Das war“, schreibt Christa Wolf, „in einer Zeit, da ich mich selbst veranlasst sah, die Voraussetzungen von Scheitern zu untersuchen, den Zusammenhang von gesellschaftlicher Verzweiflung und Scheitern in der Literatur.“ Das war – wohlgemerkt – das Jahr 1977 in der DDR! Das unlebbare Leben der Gudrun Ensslin in der BRD, ihre gesellschaftliche Verzweiflung und ihr endgültiges Scheitern in der Literatur, begann im Sommer 1967 in West-Berlin. Es dauerte noch weitere 10 Jahre, bis sie sich im „Deutschen Herbst“ 1977 am Ende selbst ermordete.

ihre kriminalität, ihr wahnsinn, ihr tod ist ausdruck der rebellion des zertrümmerten subjekts gegen seine zertrümmerung.

Ingeborg Gleichauf kommt Gudrun Ensslin mit ihrem Portrait „Poesie und Gewalt“ näher als jeder andere Biograf bisher. Kein Bestseller oder Blockbuster. Stattdessen: Biografie als Begnadigung. 50 Jahre nach der Radikalisierung, 40 Jahre nach dem Urteil „Lebenslänglich“. Ein berührendes Buch.

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