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Mit scharfer Handgranate – die amerikanische Fotografin Diane Arbus

| Eva-Marion Beck

„Einer Arbus eine Kamera zu geben, ist, als ließe man ein Kind mit einer scharfen Handgranate spielen.“ hat Norman Mailer einmal über die Kunst der berühmtesten Fotografin der 60er Jahre gesagt. Für viele Kunstkenner gilt Diane Arbus als bekannteste Vertreterin einer dokumentarischen Richtung, die die verborgenen Seiten der US-Gesellschaft nach dem zweiten Weltkrieg festzuhalten sucht.

Arbus_Boy_Grenade_Central_Park

Als sie 1971 mit nur 48 Jahren starb, war sie schon eine Legende: Die Fotografin Diane Arbus wuchs als einsames, reiches kleines Mädchen auf, lebte zwei völlig verschiedene Leben und schuf verstörende Porträts, die sich ins kollektive Bildgedächtnis gegraben haben.

1923 wird Diane Nemerov in New York geboren. Ihr Vater ist Direktor eines expandierenden Pelzimperiums mit Hauptsitz auf der exklusiven 5th Avenue. Diane und ihre beiden Geschwister werden oft wochenlang in der Obhut von Dienstboten zurückgelassen, während die Eltern in Europa herumreisen. Arbus wird als erwachsene Frau die „emotionale Leere“ und die „Irrealität“ beklagen, in der sie groß geworden sei.

Worunter ich als Kind vor allem litt, war, dass ich nie das Elend zu spüren bekam. Dieses Gefühl, gegen alles gefeit zu sein – so grotesk das auch klingen mag – war schmerzlich.

Schon mit 14 begegnet Diane ihrem späteren Mann Allan Arbus, mit dem sie bis zu ihrem 35. Lebensjahr fast symbiotisch eng zusammenleben und -arbeiten wird. Das Paar leitet ein eigenes Fotostudio, in dem sie Ideen für Modestrecken und Werbefotografie entwickelt und er fotografiert. Sie bekommen 2 Töchter, arbeiten für Vogue, Glamour und Haarper’s Bazaar. Diane „lebt für die Ehe“ und ist eine liebevolle Mutter. Von ihrer Umwelt wird sie eher als zurückhaltende, liebenswürdige und eher schüchterne Person wahrgenommen.

Vogue December 1950  - Diane and Allan Arbus-4Foto: Allan und Diane Arbus für die Vogue, Ausgabe Dezember 1950

Von der glamourösen Modewelt in das „dunkle“ Amerika

Die sehr schmerzhafte Trennung von Allan 1957 bedeutet für Diane auch beruflich eine Zäsur. Ab jetzt beginnt sie, künstlerisch ihre eigenen Wege zu gehen und die Glaswand zwischen sich und der Welt zu durchbrechen. Die Modewelt langweilt sie – Diane ist auf der Suche nach „authentischer Erfahrung“. Geburtshelferin ihrer künstlerischer Entpuppung ist die Fotografin Lisette Model, die sie im selben Jahr kennenlernt und die ihr rät, beim Fotografieren direkt ins Zentrum ihrer Angst zu zielen. „Lisette befreite mich von meinen bürgerlich-puritanischen Vorurteilen“, wird Arbus später über die Freundin und Mentorin sagen. Diane wird zur getriebenen Dokumentaristin der dunklen Seite von New York und des anderen Amerika. Dabei macht sie sich Models Auffassung von guter Fotokunst zu eigen:

„Fotografien, die Bewunderung verdienen, haben die Kraft aufzuschrecken. Die besten Fotos sind oft zerstörerisch, unvernünftig und wahnwitzig.“

Junger Mann mit Lockenwicklern zu Hause in der West 20th Street, N.Y.C., 1966Diane Arbus Foto „A young man with curlers at home on west 20th street“

Die Brüche zwischen dem Normalen und dem Anderssein, die Fragen nach der Identität werden ihr großes Thema. Rastlos zieht Diane Arbus mit ihrer 35 mm-Kamera durch Freakshows, Nachtclubs, Bordelle, Slums, Irrenanstalten, Leichenschauhäuser und Nudistencamps. Für Magazine porträtiert sie Prominente wie Mae West oder das Supermodel Viva. Selbst wenn sie die Schönen und Reichen auf ihre Platte bannt, scheinen diese oft wie verloren in ihrer Welt. Und auch die Künstlerin selbst wirkt trotz ihrer 36 Jahre mit ihren strubbeligen kurzen Haaren, den großen Augen und der zierlichen Statur immernoch wie ein kleines, verlorenes Mädchen. Ein frappierender Gegensatz zu dem Mut, den ihre Recherchen und Aufnahmen oft erfordern. Sie habe immer Angst, beteuerte Diane Arbus, aber Mut zu haben und sie zu überwinden, sei für sie ebenso wichtig und aufregend wie die Abenteuer oder Ereignisse selbst.

„Die Welt ist nur durch Aktion greifbar, nicht durch Kontemplation.
Die Erfahrung der Hand ist der wichtigste Treibstoff des Geists.“

Die Welt mit Arbus’ Augen

1964 beginnt Diane Arbus, außer mit Rolleiflex auch mit Mamiya C33 und Blitzlicht zu arbeiten. Ihre Motive bekommen jetzt ein fremdartigeres, aussagekräftigeres Eigenleben. Auch das Blitzlicht legt eine andere, tiefer liegende Schicht frei. Im konsequenten Weglassen jeder Künstlichkeit und Geziertheit gewinnen ihre Porträts eine geradezu verstörende Authentizität.

Diane-Arbus-New-Jersey-b-1967Das Bild der eineiigen Zwillinge von Diane Arbus nahm Stanley Kubrick als Inspiration für den Film „The Shining“.

Die Aura von Verletztlichkeit und Unverbrämtheit gleichermaßen, die viele ihrer Fotos einzigartig machen – sie war auch Diane Arbus’ ganz persönliche Ambivalenz. Arbus wird öfter als ein sanftes, „schattenhaftes Wesen“ beschrieben. Langsam, sehr aufnahmefähig, zu Tagträumereien tendierend, liebenswürdig, aber nie ganz da. Zeit ihres Lebens wird Arbus gegen ein Gefühl der Unwirklichkeit ankämpfen. Mit der Kamera in der Hand und ohne. So schläft sie etwa mit so vielen Männern wie möglich, um sich zu „testen“. Hinter ihrer verträumten Fassade verbirgt sich ein unglaublicher Wille, die Welt und die Wirklichkeit mit der Kamera zu erobern. Zeugen sprechen von durchaus berechnenden Zügen, ja von der Agressivität eines „Aasgeiers“, die Diane bei der Beschaffung ihrer Motive an den Tag legen konnte – nicht immer nur zu künstlerischen, sondern auch zu kommerziellen Zwecken. Arbus selber gab zu:

„Ich machte vor nichts halt, wenn ich ein bestimmtes Bild haben wollte. Und dabei kam es mir sehr zustatten, dass ich eine Frau war.“

Diane-Arbus-new-york-19651Diane Arbus: Portrait einer New Yorkerin von 1965

In den noch verbleibenden 7 Jahren bis zu ihrem Tod wird Diane Arbus ihre berühmtesten Fotos schießen. Die „Eineiigen Zwillinge“ (1967), der „Junge Mann mit Lockenwicklern“ (1966), der Junge im Central Park mit der Spielzeug-Granate, der tumbe Nationalist mit dem „Bomb Hanoi“-Button, das nackte Spießerpaar im Nudistencamp, die vier herausgeputzten Besucher einer New Yorker Galerie-Vernissage – sie alle sind längst zu fotogeschichtlichen Gegenbildern des amerikanischen Traums geworden.

Bilder, die bleiben

Die Ausstellung „New Documents“ 1967 im Museum of Modern Art bezeichnet den Höhepunkt von Dianes Karriere. Sie beeinflusste entscheidend die Dokumentarfotografie der ganzen 70er Jahre.

Diane Arbus in New YorkDiane Arbus: Selbstportrait in einem New Yorker Fotoautomaten

1970 bezog die noch von einer Hepatitis geschwächte Künstlerin eine große, lichtdurchflutete Wohnung in der turbulenten Künstlerkolonie Westbeth. In dem lebendigen, geselligen Ambiente scheint sie zunächst glücklich gewesen zu sein. Sie freundet sich mit einigen Bewohnern an, telefoniert viel mit Freunden und legt sich eine Ameisenzucht zu, „damit ich ihnen bei der Arbeit zuschauen kann, wenn ich selber faul bin“. Trotzdem lautet das allerletzte Protokoll ihres Lebens dann doch: Schnittwunden an den Handgelenken mit schweren Blutungen. Akute Schlafmittelvergiftung. Suizid. Als Diane Arbus 1971 in ihrer Badewanne stirbt, ist sie schon eine Legende.

Inwieweit Sujet und Stimmungen ihrer Bilder durch ihre lebenslangen depressiven Phasen beeinflusst war, wird nie geklärt werden. Sicher ist nur: Der schäbige Schleier von Einsamkeit und Irrealität über ihren Aufnahmen erzählt Arbus’ ganz eigene Wahrheit – und lässt niemanden unberührt. Ihr Einsatz war hoch, aber er hat sich gelohnt. Diane Arbus’ Fotos haben die Art verändert, wie wir die Welt sehen.

Diane-ArbusNew-York-1965Diane Arbus: Portrait eines jungen Paares auf einer Bank im New Yorker Central Park

Alle Zitate aus „Schwarz und Weiß. Das Leben der Diane Arbus“ von Patricia Bosworth.
DuMont Verlag 2006.

Buch-Cover