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Neu im Kino: „Barbara“ – DDR mit Liebe, aber ohne (N)ostalgie

| Viktoria Henning

Es ist bereits der elfte Film von Christian Petzold, der auf internationalem Niveau aus Deutschland erzählt – und es versteht, sein Medium mit minimalem Aufwand klar, knapp und kraftvoll sprechen zu lassen. Petzold, dessen Eltern die DDR vor dem Mauerbau verließen, verbrachte alljährlich die Sommerferien bei seiner Großmutter in der DDR. Das Beste aus beiden Welten erinnernd, will er das Vergessen des Landes, das „verschwindet und keine Spuren hinterlässt“ bekämpfen.

In der authentischen Grauzone zwischen der reißerischen political correctness von Guido Knopp, den dramatischen Künstlerschicksalen aus „Das Leben der Anderen“ einerseits und der überfröhlichen, kunterbunt aufbereiteten Sentimentalität von „Sonnenallee“ andererseits bewegt sich Petzold in seinem neuen Film mitten im unspektakulären Alltag der 1980er DDR-Provinz.

„Die Inhaftierung wirkte sich zersetzend auf ihren Freundeskreis aus“: Nachdem die Berliner Kinderchirurgin Barbara (gekonnt spröde: Nina Hoss) gesellschaftlich isoliert wurde, wird sie von der Charité in die Mecklenburg-Vorpommer’sche Provinz versetzt. Dort wird sie umgehend von ihrem Kollegen und Inoffiziellen STASI-Mitarbeiter Dr. André Reiser (bärig: Roland Zehrfeld) in Empfang genommen. In ihrer realsozialistisch kargen Wohnung klingelt regelmäßig IM Schütz (kleinkariert: Rainer Bock) und bringt extra eine Dame zur Durchsuchung aller Körperöffnungen mit. Barbara plant nämlich, den Arbeiter- und Bauernstaat im Stich zu lassen, denn: „Hier kann keiner glücklich werden“.

Stichproben der ersehnten Zukunft an der Seite ihres West-Lovers (Anzugtyp: Marc Waschke) erhält sie bei konspirativen Treffen mal im Wald, mal im Interconti-Hotel. In Steffi (stilecht mit Minipli: Susanne Bormann) begegnet sie am Wendepunkt des Filmes versehentlich ihrem jüngeren Pendant, das rührend unbeschwert in die glitzernde Konsumwelt in Form eines Versandhauskatalogs eintaucht. Ein Ausblick, der die deutlich ältere Barbara ebenso wie ein mögliches Hausfrauendasein ratlos hinterlässt.

„Die B. beginnt, Vertrauen zu fassen…“

Indes beißt sich der auf den ersten Blick verliebte Dr. André mit Rembrandt-Interpretationen, Klaviernoten, Ratatouille, Führungen durch sein Marke-Eigenbau-Labor und Radtouren zur See an der verschlossenen Barbara die Zähne aus.

FilmszenePech: André hat sich extra ein Fahrrad angeschafft, und trotzdem biegt Barbara gleich links ab.

Sie formuliert derweil schon einmal seinen Bericht über sie an die STASI vor: „Die B. beginnt, Vertrauen zu fassen…“. Allerdings taut das Eis zunehmend, als beide bei der Behandlung eines Mädchens aus dem Arbeitslager Torgau an ihre Grenzen geraten.

„Barbara“ wurde in 8 Kategorien für den Deutschen Filmpreis nominiert und erhielt bereits den Silbernen Bären für die Beste Regie. Bereits in Jerichow nahm sich Petzold der (postsozialistischen) ostdeutschen Provinz als Kulisse für seine dialogarmen, klassisch inszenierten Geschichten an. In „Barbara“ zeigt er, unaufdringlich und eindringlich wie gewohnt, Liebe und Sozialkritik. Nicht nur, was wirklich zählt, sondern auch, wo eine(r) hinpasst, und dass Freiheit Unterschiedliches bedeuten kann, gibt Petzold in unbestechlich klarer Bildsprache zu verstehen.

Herausragend immer wieder: Barbaras Suche nach Menschlichkeit in den Augen derer, die das Volk und gleichzeitig der Spitzelapparat sind. Während Dr. André treudoof dreinschaut, hat IM Schütz beinahe immer den eisigen Blick – beide aber sind Schaubilder des Zwiespalts: Volk und Staat, erbarmungslos und verletzbar zugleich.