Werbung Osnabrück

de | en

Neues aus dem Nirwana: Mark Hollis und die Band „Talk Talk“ kehren zurück … auf den Plattenteller.

| Reinhard Stiehl

„Talk Talk“ war zweifellos die innovativste Band der 80er Jahre. Nach drei überaus erfolgreichen Pop-Alben und zahlreichen Hits wie „Such a Shame“ oder „Living in Another World“ driftete die Band um den genialen Sänger, Musiker und Komponisten Mark Hollis auf ihren letzten beiden Alben in immer höhere musikalische Sphären ab und löste sich 1992 schließlich im Nichts auf. Nach einer einzigen Solo-Platte verschwand auch Mark Hollis 1998 ganz aus der Öffentlichkeit – und ist bis heute nicht wieder aufgetaucht. Eine neue Edition der ersten vier Alben, darunter das Meisterwerk „Spirit of Eden“, bringt die Band und ihren charismatischen Kopf jetzt wieder in Erinnerung.

„Der Würfler“ (orig. „The dice man“) ist ein Roman des amerikanischen Schriftstellers George Cockcroft, den er unter dem Pseudonym Luke Rheinhart veröffentlicht hat. Er handelt von einem Psychiater, der aus lauter Überdruss beginnt, seine Entscheidungen auf Grundlage eines Würfels zu treffen und damit einen regelrechten Kult auslöst, der die Grundfeste der Gesellschaft erschüttert. Mark Hollis nahm das Buch als Inspiration für den größten Hit seiner Band: „Such a Shame“.

The dice decide my fate
And that’s a shame
In these trembling hands my faith
Tells me to react, I don’t care

Auch Mark Hollis wollte ursprünglich einmal Psychologe werden, brach das Studium 1975 im Alter von 20 Jahren wieder ab und gründete 1977 in London die Band „The Reaction“. Bereits damals entstand eine Demo-Version des Songs, der seiner späteren Band ihren Namen geben sollte: „Talk Talk Talk Talk“ hieß der Titel ursprünglich. Daraus wurde der Name (und gleichnamige erste Hit) der Band: „Talk Talk“, was in etwa soviel heißt wie „Gerede und Geschwätz“.

Anfangs noch mit Bands wie „Duran Duran“ verglichen – nicht zuletzt wegen der Wortwiederholung im Band-Namen, aber auch wegen desselben Produzenten (Colin Thurston) – entwickelten „Talk Talk“ schnell ihren eigenen Stil, der wesentlich von Mark Hollis’ eindringlicher Stimme geprägt war. Der eher unscheinbare, klein gewachsene Sänger hatte ein Repertoire, das von einem leisen, fast zitternden Stimmchen plötzlich zu einem explosiven „Organ“ wechseln konnte. Ähnlich wie der musikalische Rhythmus vieler seiner Songs, der oft vorsichtig und zurückhaltend, fast unterdrückt begann, um dann schlagartig loszulegen.

Talk Talk

Durch seinen großen Bruder, den DJ und Band-Manager Ed Hollis, hatte Mark Hollis (li.) seine neuen Mitmusiker kennengelernt: den Drummer Lee Harris (re.) und den Bassisten Paul Webb (mi.). Ergänzt wurden die drei auf ihrem ersten Album „The Party’s Over“ noch von Keyboarder Simon Brenner, der die Band aber bereits danach wieder verließ, weil Hollis weniger Synthesizer einsetzen und sich nicht in die Schublade „New Wave“ oder „New Romantic“ stecken lassen wollte.

Eine Tendenz, die er auf jedem weiteren Album solange verfolgte, bis die synthetischen Klänge schließlich ganz aus der Musik von „Talk Talk“ verschwunden waren. In Tim Friese-Greene, der selbst niemals live mit der Band auftrat und nicht einmal als offizielles Mitglied fungierte oder auf Promotion-Fotos zu sehen war, fand Mark Hollis 1983 seinen kongenialen Kompositions-Partner und Produzenten.

1984 bis 1986 waren die erfolgreichsten Jahre der Band. Das zweite Album mit dem trotzigen Titel „It’s my Life“ wurde der größte kommerzielle Erfolg von „Talk Talk“ und lieferte mit „Dum Dum Girl“, „Such a Shame“, dem Titelsong „It’s my Life“ und „Tomorrow started“ gleich 4 Hits ab. Dazu der traumhaft schöne Album-Track „Renée“, Höhepunkt jedes Live-Konzerts.

Auf der großartigen Tour zum dritten Album „The Colour of Spring“ mit wiederum 4 erfolgreichen Single-Auskoppelungen („Life’s what you make it“, „Living in Another World“, „Give it up“ und „I don’t believe in you“) befand sich die Band auf dem Zenit ihrer Karriere.

Aber es gab auch bereits erste Ansätze auf „The Colour of Spring“, die erahnen ließen, wohin die weitere Reise gehen sollte: das Stück „April 5th“ beispielsweise, dessen Textzeile „Waiting for the colours of spring“ dem Album seinen Namen gab – mehr Klang-Collage als Song-Struktur.

Es waren keine Würfel, die Mark Hollis einen anderen Weg einschlagen ließen als den von der Plattenfirma EMI gewünschten. (Oder vielleicht doch?) Nach den kommerziellen Erfolgen der Band hatte er sich das Recht erworben, tun und lassen zu können, was er wollte. Und genau das tat er jetzt, verzog sich in eine alte Kirche nach Suffolk, tüftelte dort monatelang an neuen Songs, ließ sich nicht mehr in die Karten gucken – und zahlreiche Fertigstellungstermine verstreichen.

Das Ergebnis war 1988 „The Spirit of Eden“, ein von den Kritikern als Meisterwerk gefeiertes Album – und ein kommerzieller Selbstmord: sechs Stücke in Überlänge, die aus mehrstündigen Improvisationen zu einem Gesamtkunstwerk abgemischt worden waren, das heute noch als wegweisend gilt, aber beim breiten Publikum durchfiel. Eigentlich ein Jazz-Album, an dem auch der Violinist Nigel Kennedy und der Stockhausen-Jünger Hugh Davis als Studio-Musiker maßgeblichen Anteil hatten.

The Spirit of EdenSämtliche Cover von „Talk Talk“ wurden von James Marsh illustriert.

„The Spirit of Eden“ ließ eigentlich keine Single-Auskoppelung mehr zu. Als EMI – gegen den Willen von Mark Hollis – dennoch das Stück „I believe in you“ auf den Markt brachte, kam es zum Zerwürfnis zwischen Band und Label.

Für Mark Hollis war der Weg frei zum Polydor-Jazz-Label „Verve“ und dem letzten, nun völlig entrückten Album von „Talk Talk“: 1992 erschien mit „The Laughing Stock“ sozusagen noch die Steigerung von „The Spirit of Eden“. Das war das Ende von „Talk Talk“. Nachdem Bassist Paul Webb die Band bereits nach „Eden“ verlassen hatte, kündigte nun auch Schlagzeuger Lee Harris dem völlig vergeistigten Mark Hollis endgültig seine Gefolgschaft auf. Co-Autor, Produzent und Keyboarder Tim Friese-Greene verabschiedete sich so unauffällig wie er zu der Band gekommen war.

Den Abgesang seiner Karriere schrieb Mark Hollis schließlich 1998 mit einem nunmehr völlig introvertierten Solo-Album: „Mark Hollis“. Außer ihm gab es nur noch David Sylvian, den ehemaligen Sänger der Band „Japan“, der sich so etwas erlauben konnte. Danach zog sich der geniale Sänger, Musiker und Komponist völlig aus der Öffentlichkeit zurück und lebt seitdem mit Frau und zwei Kindern in London.

Mark Hollis

Nur ein einziges Foto aus dem Jahr 2004 zeugt davon, dass Mark Hollis überhaupt noch existiert. Es zeigt ihn und den BMI-Manager Nick Robinson bei der Übergabe eines Awards. Die amerikanische Band „No Doubt“ hatte den Talk Talk-Hit „It’s my Life“ 2003 erfolgreich ge-covert und Hollis wurde als Autor des Songs geehrt. Er sieht aus wie ein katholischer Sozialarbeiter und guckt in Kamera, als ob er nicht bis 3 zählen könnte.

Mark Hollis und Nick Robinson

Die vier ersten, bei EMI erschienen Alben von Talk Talk sind – remastered – Ende März bzw. Mitte April als CD und DVD erschienen, zwei davon, „Spirit of Eden“ und „The Colours of Spring“, auch auf Vinyl. Von Mark Hollis fehlt weiterhin jede Spur.