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„Nicht nur zur Weihnachtszeit“ – das ideale Buch-Geschenk zum 30. Dezember.

| Reinhard Stiehl

Am 40. Tag nach Weihnachten hat der Spuk spätestens ein Ende. Manchmal auch schon am Sonntag nach dem Dreikönigsfest. In Skandinavien, das wissen wir von IKEA, endet die Weihnachtszeit an St. Knut, dem 20. Tag nach Weihnachten. (Jeweils gerechnet vom 25. Dezember.) Da werfen die Schweden ihre Weihnachtsbäume aus dem Fenster. Die hiesige Feuerwehr bietet eine Abholung und fachgerechte Entsorgung des Tannenbaums für ein kleines Entgelt bereits für den 7. Januar an.

Und – offen gesagt – ist man dann ja auch irgendwann froh, dass es vorbei ist. Alle Lieder sind gesungen, alle Geschenke umgetauscht, alle Gutscheine liegen in der Schublade bei denen vom letzten Jahr. Man ist ins neue Jahr gerutscht und bereits voll konzentriert auf Karneval und Fasching. In den Schokoladenfabriken läuft die Produktion der Osterhasen auf Hochtouren. Es muss ja irgendwie weitergehen. Das Leben ist schließlich kein Weihnachtsmarkt!

Am 40. Tag nach Weihnachten, der Katholik feiert ihn als Mariä Lichtmess oder auch „Darstellung des Herrn“, soll nun endlich auch der Tannenbaum von Tante Milla abgeschmückt werden. Aber da passiert das Unfassbare: Als der beharrlich „Frieden“ verkündende Engel von der Spitze des Weihnachtsbaumes genommen wird, bekommt Tante Milla einen furchtbaren Schreianfall. Sie kriegt sich gar nicht wieder ein. Nichts hilft. Sie schreit und schreit.

Illustration: Ingeborg Schindler/Edition Büchergilde

Sie schrie fast eine Woche lang. Neurologen wurden herbeitelegraphiert, Psychiater kamen in Taxen herangerast – aber alle, auch Kapazitäten, verließen achselzuckend, ein wenig erschreckt auch, das Haus.

(…)

Sie verweigerte Nahrung, sprach nicht, schlief nicht; man wandte kaltes Wasser an, heißes, Fußbäder, Wechselbäder, die Ärzte schlugen in Lexika nach, suchten nach dem Namen dieses Komplexes, fanden ihn nicht.

Die Lösung kommt schließlich vom Gatten der Durchgedrehten: Onkel Franz hat die grandiose Idee, den Weihnachtsbaum wieder aufzustellen und so zu tun als sei immer noch Weihnachten. Tante Milla beruhigt sich umgehend, aber um ihren labilen Zustand nicht zu gefährden, entschließt sich die Familie, fortan – tagein, tagaus, winters wie sommers – jeden Abend Weihnachten zu feiern. Das führt im Laufe der Geschichte zu teils extremen Verfallserscheinungen.

Original-Ausgabe, Illustration: Henry Meyer-Brockmann

Heinrich Böll las seine Satire „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ erstmalig bei einem Treffen der legendären Gruppe 47 im November 1952. Nur einen Monat später, aber noch rechtzeitig zum Fest erschien die Erzählung in der 1. Auflage; am 30. Dezember 1952 wurde sie als Hörspiel im damaligen NWDR uraufgeführt.

Pfarrer Hans-Werner von Meyenn, seinerseits als Herausgeber der Sammlung „Deutsche Sprüche“ im Jahr 1935 literarisch in Erscheinung getreten, warf Böll sogleich die „Verunglimpfung des deutschen Gemüts“ vor.

„Nun sei doch mal gemütlich!“

Dieser Satz, gerichtet an Opa Hoppenstedt, in dem nicht minder bekannten Loriot-Sketch „Weihnachten bei Hoppenstedts“ mag einem dazu einfallen. Aber 1978 war das deutsche Nachkriegs- und Wirtschaftswunder-Gemüt bereits allgemeiner Gegenstand des Spotts. („Früher war mehr Lametta!“)

1952 hingegen, als Bölls Erzählung erschien, befand man sich mitten in der „Restauration“. Die Deutschen wollten vom Krieg nichts mehr wissen. Ganz im Wiederaufbau begriffen ging man daran das deutsche Wirtschaftswunder zu schaffen … und die Vergangenheit zu verdrängen. Bölls bitterböse Satire gegen das restaurative katholische Bürgertum passte da überhaupt nicht ins Bild.

ZDF-Verfilmung von 1970

Erst am 30. Dezember 1970 (exakt 18 Jahre nach der Erstausstrahlung des Hörspiels) kam „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ in der Verfilmung von Vojtěch Jasný mit Edith Heerdegen als Tante Milla und René Deltgen als Onkel Franz ins Abendprogramm des ZDF. Ein Jahr vorher war Willy Brandt Bundeskanzler geworden und wollte „mehr Demokratie wagen“.

Warum die Geschichte jetzt, über 60 Jahre nach der Erstausgabe, in der Collection Büchergilde als „Graphic Novel“ wiederaufgelegt wird, mag auch damit zu tun haben, dass sich mit Ingeborg Schindler (Jahrgang 1972) eine ausgezeichnete Illustratorin fand, die an das Werk von Henry Meyer-Brockmann anknüpft, der 1954 die Buchausgabe von Kiepenheuer & Witsch illustrierte.

Ingeborg Schindler

Schindler zeichnet mit Bleistiften der Stärke 4B-8B und Polychromos Buntstiften auf Dorée-Skizzenpapier. Ihre Figuren überzeichnet sie in einem realistischen Stil, durchbricht diesen Realismus aber gleich wieder mit den naiven „Krickeleien“ ganzer Farbflächen; sie verfälscht bewusst die räumlichen Perspektiven ihrer Illustrationen und zeigt dazu einen ausgeprägten Sinn für Typografie. Ihre so entstehenden collageartigen Bilder erinnern entfernt an die anarchische Welt des Monthy Pythons Flying Circus der 60er/70er Jahre.

Allein diese Kunstwerke sind den Buch-Preis von 17,95 € allemal wert. Die Weihnachtsgeschichte von Heinrich Böll ist „vorweihnachtsgerecht“ in 24 kleine Episoden aufgeteilt. Zu jeder Episode gibt es eine großartige Illustration von Ingeborg Schindler.

Kleiner „Gag“ am Rande: Die Seiten des Buches sind unbeschnitten; man soll also – wie bei einem Adventskalender – täglich eine Seite auftrennen, um die Geschichte weiterzulesen. So als könne man das Buch nur zur Weihnachtszeit lesen. Das ist natürlich Unsinn. Ich selbst werde es erst am 30. Dezember verschenken, dem katholischen Fest der Heiligen Familie und dem Jahrestag der Erstausstrahlung von „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ an den deutschen Rundfunkgeräten und Fernsehempfängern.