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„Peng, peng“ – das Buch zum Blog von Wolfgang Herrndorf.

| Reinhard Stiehl

Zum Schluss ein Schuss. Und der letzte Eintrag: „Wolfgang Herrndorf hat sich am Montag, den 26. August 2013 gegen 23.15 Uhr am Ufer des Hohenzollernkanals erschossen.“ – Nun ist der Blog „Arbeit und Struktur“ des Bestseller-Autors auch in gebundener Form und als Hörbuch erschienen. Es ist das Tagebuch eines Todgeweihten.

Am Anfang steht eine verheerende Diagnose:

Prof. Moskopp erklärt, es sei ein Glioblastom. Das ist etwas Gehirneigenes, das bildet keine großen Metastasen, wächst nur sehr schnell, läßt sich nicht endgültig bekämpfen und ist zu hundert Prozent tödlich.

Ich höre kaum zu. Während Prof. Moskopp redet, fällt mir ein, daß ich mich nie wieder verlieben werde, nie wieder wird sich jemand in mich verlieben. Stinkend und krebszerfressen.

Könnten Sie den letzten Satz noch mal wiederholen?

Ein Gehirntumor sei der Mercedes unter Tumoren, behauptet Wolfgang Herrndorf später, „und ein Glioblastom ist der Rolls Royce“. Wenn es nur ein Prostata-Karzinom gewesen wäre, hätte er seinen Blog erst gar nicht begonnen. Da können wir als Leser von Glück sagen, dass es Herrndorf so richtig erwischt hat …

Zynismus ist auch eine Möglichkeit, mit seinem Todesurteil umzugehen. Wut und Verzweiflung eine andere. Insofern unterscheidet sich Wolfgang Herrndorfs Blog nicht nur in seinem rationalen Titel „Arbeit und Struktur“ von Christoph Schlingensiefs emotionalem Krebs-Tagebuch „So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein.“

Im Gegensatz zu Schlingensief hadert Herrndorf auch nicht mit seinem Schicksal:

(…) die Frage „Warum ich?“ ist mir dagegen noch nicht gekommen. Warum denn nicht ich?

Trotzdem ist Herrndorfs Web-Logbuch nicht distanziert, sondern diszipliniert. Nach der Diagnose arbeitet er wie ein Wahnsinniger:

„Am besten geht’s mir, wenn ich arbeite. Ich arbeite in der Straßenbahn an den Ausdrucken, ich arbeite im Wartezimmer zur Strahlentherapie, ich arbeite die Minute, die ich in der Umkleidekabine stehen muß, mit dem Papier an der Wand. Ich versinke in der Geschichte, die ich da schreibe, wie ich mit zwölf Jahren versunken bin, wenn ich Bücher las.“

Dabei wird er – als Folge einer postoperativen Psychose – tatsächlich fast wahnsinnig und beschreibt auch das in einer furiosen zehnteiligen Rückblende.

Mit seiner Einlieferung in die Psychiatrie am 8. März 2010 beginnt der Blog. Zunächst ist er nur für Freunde geschrieben, auf deren Drängen Herrndorf das Internet-Tagebuch ab September 2010 schließlich auch öffentlich zugänglich macht. Ab jetzt kann jeder mitlesen. Der SPIEGEL nennt „Arbeit und Struktur“ schon in seinem Entstehen „ein literarisches Ereignis“.

Wolfgang Herrndorf ist ein Spätberufener und Frühverstorbener.

Nach seinem Kunststudium arbeitet er als Illustrator, u.a. für das Satiremagazin „Titanic“. Dann tauscht er von einem Tag auf den anderen die Staffelei gegen die Tastatur. Seinen ersten Roman „In Plüschgewittern“ veröffentlicht er 2002 – mit 37 Jahren. 2004 gewinnt er mit einer Kurzgeschichte den Publikumspreis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. Der dazu gehörige Kurzgeschichtenband „Diesseits des Van-Allen-Gürtels“ erscheint 2007. Verkaufte Auflage: 2.000 Stück.

Berlin, Hinterhof, Novalisstraße. Ein-Zimmer-Wohnung. Herrndorf lebt seit Mitte der 90er Jahre in „Mitte“. Er ist Mitglied der digitalen Berliner Bohème um Sascha Lobo, Holm Friebe – und Kathrin Passig, Herrndorfs Hassliebe, die einem in „Arbeit und Struktur“ so richtig ans Herz wächst. Es sind die „Nuller Jahre“, eine Szene zwischen Selbstbestimmung und Selbstausbeutung. Herrndorf ist genügsam:

„Hat er jemals etwas anderes gegessen als vorgeschnittene Graubrotscheiben, Pizza-Baguettes und Texas-Eintopf? Eine Schale Heidelbeeren markierte für ihn den puren Luxus.“

Holm Friebe in seinem großartigen Nachruf auf Wolfgang Herrndorf in der Welt.

Mit seiner Krebs-Diagnose im Februar 2010 entwickelt Herrndorf den unbändigen Ehrgeiz, jeden Tag ein Kapitel zu schreiben und seine Romanfragmente für „Tschick“ und „Sand“ endlich fertig zu stellen. „Tumor als Turbo.“ (Friebe) Nach der Diagnose die Prognose: Im statistischen Mittel seiner Altersklasse bleiben ihm noch 698 Tage. (Es werden glücklicherweise doppelt so viele.) Und beide Bücher sind Bestseller.

Ebenso eifrig arbeitet Herrndorf an seiner „Exitstrategie“.

Voraussetzung dafür war, daß zwischen Entschluß und Ausführung nicht mehr als eine Zehntelsekunde liegen dürfe. Schon eine Handgranate wäre nicht gegangen. Die Angst vor den drei Sekunden Verzögerung hätte mich umgebracht.

(…) Medikamente mit dem langwierigen Vorgang des Schluckens und Wartens sowieso. Weil ich wollte ja nicht sterben, zu keinem Zeitpunkt, und ich will es auch jetzt nicht. Aber die Gewißheit, es selbst in der Hand zu haben, war von Anfang an notwendiger Bestandteil meiner Psychohygiene.

(…) Ich muß wissen, daß ich Herr im eigenen Haus bin. Weiter nichts.

Anfangs ist es noch eine fiktive Pistole gegen die Panik:

Diesmal reicht eine einfache Willensentscheidung nicht aus, und ich muß eine sehr plastisch vorgestellte Walther PPK in meinem Kopf installieren, um jeden unangenehmen aufkommenden Gedanken zu erschießen: Peng, peng. Zwei Kugeln, und ich denke an etwas anderes. Das funktioniert anfangs mal über kürzere, mal über längere Zeiträume gut, aber: es funktioniert. Daß meine Lippen gelegentlich lautlos und dann immer öfter auch nicht lautlos “Peng, peng” dazu machen, ist mir herzlich egal, und auch, ob ich dabei allein oder in der Öffentlichkeit bin.

Herrndorf hat einen mehr als ironischen Hang zum Martialischen, sei es bei der Bestrahlung oder in Bezug auf seinen letzten Willen:

22.4. 2010 11:07
Ich mochte es, daß da auf diese Stelle in meinem Kopf geschossen wurde.

11.5. 2010 00:55
Priester sind mit Waffengewalt von mir fernzuhalten.

26.8. 2011 15:39
Was ich vermutlich gut fände: Starb in Erfüllung seiner Pflicht.

Aber der Blog dreht sich nicht nur um Krankheit, Tod und Verderben.

Wir erleben Herrndorf als quick lebendigen, klugen und humorvollen deutschen Dichter und Denker, der sich mit Unmengen an Gelesenem, Gehörtem und Gesehenem, Erlebtem und Erinnertem auseinandersetzt.

Gemeinsam mit dem Autor entdecken wir ein Berlin, das sogar viele Berliner nicht kennen. Zum Beispiel den Plötzensee. Nein, nicht die Gedenkstätte, sondern das Naturfreibad.

Strandbad_Ploetzensee

Herrndorf ist ein Romantiker:

Immer die gleichen drei Dinge, die mir den Stecker ziehen: Die Freundlichkeit der Welt, die Schönheit der Natur, kleine Kinder.

Dem Leser zieht es den Stecker, wenn der Todgeweihte immer wieder ein Gedicht aufsagt:

An der Weser, Unterweser
wirst du wieder sein wie einst.
Durch Geschilf und Ufergräser
dringt die Flut herein, wie einst.

Die virtuosen Verse von Georg von der Vring werden zur Metapher seines Leidens. Immer wieder testet Herrndorf sich selbst, filmt sich sogar dabei, aber je „raumgreifender“ der Tumor wird, desto mehr scheitert er an „Unterweser“.

Als Herrndorf in den letzten Wochen seine wohl größte und ihm selbst stets wichtigste Ressource einbüßt – die Fähigkeit zur verbalen Kommunikation – kommen wir ihm so nah wie sonst an keiner Stelle des gesamten Blogs. Erst als er nicht mehr Herr im eigenen Haus ist, öffnet sich die Tür zu seinem Innern einen kleinen Spalt breit. Aber er hat vorgesorgt. Es ist die Tür mit der Aufschrift „Exit“:

Niemand kommt an mich heran
bis an die Stunden meines Todes.
Und auch dann wird niemand kommen.
Nichts wird kommen, und es ist in meiner Hand.

Am Ende ist es eine Smith & Wesson, Kaliber 9 mm.

NACHTRAG:

Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ wird immer wieder gerne mit J.D. Salingers „Fänger im Roggen“ verglichen. Auch darüber macht er sich in seinem Blog lustig:

Die SZ (Seibt) kostet mich eine Runde Bier: erste Rezension ohne Salinger.

Der Kritiker Gustav Seibt rezensierte am 12. Oktober 2010 Herrndorfs „Tschick“ in der Süddeutschen Zeitung.

Herrndorf glaubte nicht an Zeichen und Wunder, geschweige denn an Schicksal. Und doch passierten rund um seinen Blog merkwürdige Dinge: J.D. Salinger starb am 27. Januar 2010, kurz bevor im Februar der unheilbare Gehirntumor bei Wolfgang Herrndorf festgestellt wurde. Am 6. Dezember 2013 erscheint „Arbeit und Struktur“ als Buch bei Rowohlt. Genau zur gleichen Zeit tauchen im Internet plötzlich drei bis dato unbekannte Kurzgeschichten von Salinger auf.

Ein Wink des Himmels.