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„Ring frei“ für Karin Nohr und ihren Roman zum Wagner-Jahr!

| Reinhard Stiehl

Wer, wie ich, mit Richard Wagner vor allem eine Erinnerung verbindet, nämlich den Walkürenritt zum Hubschrauber-Angriff in Francis Ford Coppolas’ Vietnam-Film „Apocalypse Now“, der tut sich schwer mit dem ganzen Tamtam, das jedes Jahr um die Wagner-Festspiele in Bayreuth gemacht wird. Diese Woche ist es wieder soweit. Und es ist Wagner-Jahr, denn schließlich feiern „wir“ den 200. Geburtstag des umstrittenen Meisters.

Eva-Maria Wagner-Pasquier und Schwester Katharina WagnerRheintöchter? Walküren? Nornen? Die Ur-Enkel-Generation – Eva-Maria Wagner-Pasquier und Schwester Katharina Wagner – hat heute das Sagen im Bayreuther Festspielhaus.

Wie nähert man sich diesem doch sehr deutschen Phänomen? Auch dann, wenn man nicht zum Bildungsbürgertum zählt, wo das Werk Wagners zum Leben gehört wie das große Latinum. Mehr noch als bei Goethe und Schiller zusammen überwiegt bei Wagner die Ehrfurcht, der Respekt vor der Größe, dem Genie. Man kompensiert das gerne durch politische Korrektheit, die den bekennenden Antisemiten Wagner in die Nähe des Nationalsozialismus rückt, oder durch beißenden Spott – zum Beispiel über seine ständigen Stabreime.

Mit dem Roman „Vier Paare und ein Ring“ von Karin Nohr habe ich nun endlich einen eigenen, leichten und unterhaltsamen Zugang zu Richard Wagner gefunden. Das Buch lohnt das Lesen.

Vier_Paare_und_ein_Ring_CoverBuch-Cover: Stuhlkreis, Setting, Inszenierung?

Die Geschichte spielt – wie nicht anders zu erwarten – im Bildungsbürgertum. Der Berliner Literaturprofessor Kurt Schwemmers googelt für eine Rede jenen beliebten lateinischen (!) Ausspruch Ciceros über Sokrates, der „immer derselbe“ bedeutet: „semper idem“. Weiter als „semper“ kommt der Akademiker allerdings nicht, denn nicht nur bei Bettina Wulff vervollständigt Google ungefragt jeden eingegebenen Suchbegriff. Zu „semper“ ergänzt die Suchmaschine automatisch „Semperoper“.

Und zur Semperoper liefert Google dem Suchenden auch gleich die Information, dass dort der vierteilige „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner aufgeführt wird.

Trailer der Metropolitan Opera, New York, für den Ring des Nibelungen.

Das wiederum bringt den Professor auf die Idee, sich gemeinsam mit seiner Gattin und ein paar guten Freunden Wagners Werk hinzugeben. An vier aufeinanderfolgenden Sonntagen – in Dresden.

Soweit der „Plot“ von „Vier Paare und ein Ring“. Hier nun die Besetzung.

Neben Kurt Schwemmers, dem Berliner Literatur-Professor, treten auf: Eva, seine Frau, Lektorin (etwas älter als ihr Mann, die Ehe blieb kinderlos); das Ehepaar Dirk und Brigitte Blasius, er: Kurts Kollege und scharf auf eine Professur, sie: Bibliothekarin und scharf auf ein Kind; das Ehepaar Thomas und Ulrike Diesterkamp, er: Psychologe mit etwas zu viel Empathie für einen seiner Patienten, sie: Lehrerin und Ex-Geliebte des Professors, wovon ihr Mann nichts wissen muss; und schließlich Annegret Winkler, Kardiologin, die verwitwete Freundin Evas, die zusammen mit ihrer pubertierenden Tochter Lena das vierte „Paar“ bilden soll (woraus nichts wird).

Kleines Kammerspiel zur opulenten Oper.

Tatsächlich kann man sich den Roman von Karin Nohr auch wunderbar als Theaterstück vorstellen, irgendwo zwischen Tragödie und Komödie. Nicht die Götter – Google spielt hier Schicksal.

Die einzelnen Kapitelüberschriften des Romans übernehmen die Titel der Nibelungen-Tetralogie: „Rheingold“, „Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“. Zu Beginn jedes Kapitels gibt es Nachhilfeunterricht für Nicht-Wagnerianer.

Dazu bedient sich Karin Nohr eines Kunstgriffs:

Ulrike Diesterkamp, die Lehrerin im Roman, lässt ihre Schüler Aufsätze über die Handlungen der Oper schreiben. So erfährt auch der in Sachen Wagner und Nibelungen unbelesene Leser, worum es eigentlich geht.

Schüler Milan, 10 c, über das Rheingold:

„Der Text fängt mitten im Rhein an, also unter Wasser. Da schwimmen drei Mädels herum (…). Zwei spielen Fangen im Wasser und die dritte schimpft sie aus deswegen, weil sie nämlich auf das Gold aufpassen sollen.“

Welch ein Opernführer!

Dass dieser Spagat (Erwachsene ahmt Jugendsprache nach) gelingt, verdankt der Roman dem schriftstellerischen Können seiner Autorin.

Karin_NohrKarin Nohr (63), Foto: Urban Zintel

Karin Nohr, eigentlich Psychologin, ist eine Spätberufene. Ihren ersten, viel beachteten Roman „Herr Merse bricht auf“ veröffentlichte sie 2012 mit 62 Jahren. Auslöser für das Schreiben war der Tod ihres Mannes. „Vier Paare und ein Ring“ (2013) ist also erst ihr zweiter Roman. Der Knaus-Verlag kündigt ihn an mit dem Untertitel „Vom Paarungsverhalten des Bildungsbürgertums“.

„Wer mit wem“ oder „warum sie und nicht ich“ – diese drängendsten aller zwischenmenschlichen Fragen sind Gegenstand dieses Beziehungs-Romans, in dem sämtliche Charaktere nach und nach entblößt werden. Auch in angezogenem Zustand.

Apropos! Nebenbei lernt der Leser noch etwas über den Dress-Code auf dem „Grünen Hügel“: zum „Rheingold“ trägt man Blau, zur „Walküre“ Rot, zu „Siegfried“ Grün und zur „Götterdämmerung“ Schwarz. Für die Damen eine echte Herausforderung. Den Herren genügt eine Fliege oder ein Einstecktuch in der entsprechenden Farbe.

Bundeskanzlerin_Angela_Merkel_in_BayreuthZum Rheingold trägt man blau: die Bundeskanzlerin in Bayreuth.

Im Laufe des Romans, der mit klarer Struktur und großer Leichtigkeit erzählt wird, löst der Besuch des Nibelungen-Rings lauter persönliche und private Krisen bei allen Beteiligten aus:

Kurt Schwemmers hat einen One-Night-Stand mit Annegret Winkler, der besten Freundin seiner Frau. Danach ist es vorbei mit der Frauen-Freundschaft, die eigentlich nie eine war. Ulrike Diesterkamp, die Lehrerin, macht sich falsche Hoffnungen auf ein Wiederaufflammen ihrer Affäre mit Kurt, der stattdessen lieber eine Männerfreundschaft mit ihrem Gatten Thomas, dem Psychologen, aufbaut. Und Bibliothekarin Brigitte Blasius bleibt der Kindersegen ebenso verwehrt wir ihrem durchtriebenen Mann Dirk die Professur.

Verstrickungen und Abgründe.

Auf die Frage, wie viel von ihr selbst in diesem Roman stecke, antwortet Karin Nohr salomonisch: „Viel und wenig zugleich.“ Am meisten wohl von Annegret, der verwitweten Kardiologin, und Thomas, dem empathischen Seelendoktor. „Mir geht es um Veränderung“, sagt die Autorin, jetzt wieder ganz Psychologin, „Brüche und Krisen können Paare voran bringen. Aber eben nicht alle.“

Bleibt die Frage, was das alles mit Richard Wagner zu tun hat. Die Antwort lautet ganz einfach „Verstrickungen und Abgründe“. Denn nicht nur die griechischen Tragödien sind ein gefundenes Fressen für jeden Psychologen – Ödipus, Narziss, Elektra – auch der Ring des Nibelungen ist beliebter Gegenstand der Psychoanalyse. Und Wagner sowieso.

Bernd_Oberhoff_Wagner_Cover

In seinem Buch „Richard Wagner. Der Ring des Nibelungen.“ entlarvte der Psychoanalytiker Bernd Oberhoff erst kürzlich den monumentalen Meister als Narzissten mit Mutterkomplex und Männlichkeitswahn. Im Zwerg Alberich offenbare der kleinwüchsige Wagner sich selbst – „mehr Wicht als Wüterich“ (DER SPIEGEL).

Karin Nohr, die Autorin von „Vier Paare und ein Ring“, studierte Literaturwissenschaft und Psychologie, schrieb – bevor sie zur Belletristik kam – die Studie „Der Musiker und sein Instrument“ und das Lehrbuch „Katathym Imaginative Psychotherapie“. KIP, so das Kürzel, erzeugt auf der Basis kindlicher Vorstellungskraft (Imagination) Tagtraumbilder in Erwachsenen zur Lösung seelischer Konflikte.

So gesehen erscheint auch der „Ring des Nibelungen“ – ähnlich wie der „Herr der Ringe“ von John Ronald Reuel Tolkien – als kindliche Vorstellung eines Erwachsenen. Und schließlich ist das Wort „Vorstellung“ in seiner Doppeldeutigkeit auch ein Synonym für „Bühnenaufführung“.

Die Vorstellung, dass es sich bei den Besuchern in Bayreuth im Grunde um Erwachsene handelt, die ihren (kindlichen) Tagträumen nachhängen, versöhnt dann auch wieder mit dem ganzen Tamtam, das darum gemacht wird. Auch in „Apokalypse Now“ spielen sie ja nur Krieg.