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Sophisticated Lady – Mit Bettina Pohle auf musikalische Entdeckungstour im Amerika der 40er Jahre.

| Kirsten Schuhmann

Ein Hauch Ostküsten-Melancholie weht über den ersten Songs des Albums. Schließt man die Augen beim Lauschen der sanft aufwühlenden Bar-Jazz-Töne, gesellen wir uns in Gedanken im von Rauchdunst umhüllten Dämmerlicht zu den letzten Gestalten der kleinen Eckkneipe im New York der 40er Jahre, ähnlich dem Gemälde von Edward Hopper.

Die Musik – ein letztes Highlight an diesem sonst eher nachdenklich stimmenden Abend. Ein Schuss Glamour – in der sonst kalten Nostalgieecke. Wir beobachten, wie ein kleines Spotlight den Blick auf die kleine Eckkneipenbühne durch den dicken Dunst freikämpft.

Nighthawks_by_Edward_Hopper_1942„Nighthawks“ – Edward Hopper (1942)

Da steht sie, die „Sophisticated Lady“, deren Stimme die glamourösen Zeiten auferstehen lässt, die einst auf großen Bühnen in den angesagten Theaterhäusern zuhause waren. Die sonst eher wortkargen und allein auf den Jack- Daniel’s-Pegel ihres Glases konzentrierten Bargäste erheben ihre Köpfe und scheinen in diesem Moment einen großen Brocken Schwermut abzuschütteln, sei es durch taktvolles Mitwippen der durchgetretenen Schuhe oder musikalisch motiviertes Hochziehen der Mundwinkel. Die ersten Töne der Lady treffen wie Sonnenstrahlen ins Mark der sonst so verkrusteten Herzen, sanft treiben sie Bilder von Liebe, Genuss, Erinnerungen, Reichtum, Zweisamkeit und das Vermissen jener durch klassisches Jazz-Terrain von Billie Holiday, Duke Ellington und vor allem Cole Porter.

Gerade Letzterer hätte an den samtig, warmen Jazzinterpretationen der Berlinern sicherlich viel Gefallen gefunden. Mit jedem Schwung in ihrer Stimme erfährt der Hörer eine weitere Facette eben dieser „Sophisticated Lady“ und wenn man das Wörterbuch bemüht gibt es ganze 15 verschiedene Möglichkeiten, das Wesen der Lady ins Deutsche zu übersetzen. So ist es weniger ein Zufall, wenn vierzehn Jazzperlen die CD krönen und so gut wie alle Interpretationsmöglichkeiten ausgereizt wurden; von raffiniert, erfahren, kompliziert über gebildet, mondän bis hin zu hochentwickelt. All das ist Bettina Pohle, nicht nur ein Album lang sondern mit Leib und vor allem Seele, die im Jazz mehr als alles andere brillieren muss, um der anspruchsvollen Rhythmik wie Instrumentierung einem Publikum zu öffnen.

Bettina Pohle & Ralf Ruh Trio im b-flat, Berlin:
„Stormy Weather“ (Arlen/Koehler, 1933)

„Singing Jazz to me means more than anything“. Ein Statement aus dem (leider etwas kargen) CD-Booklet, das man ihr allzu gerne abnimmt. Immerhin, neben mehreren Fotos von Pohle im „sophisticated Lady-Look“ der 40er Jahre dürfen wir auch einen Blick auf das musikalisch begleitende Ralf Ruh Trio werfen, die das Bild der „Nighthawks“, das wir zu Anfang gesponnen haben, komplettiert. Mit eben jenem Schweizer Bandleader und Klaviervirtuosen scheint Bettina Pohle ein magisches Band einzugehen, was nun schon seit drei Alben fest Pohles Gesang mit lässig-leicht gespielten Gin- bis Cocktailjazztönen gewinnbringend verknüpft. „Glücklichweise“, mag man sich da ausrufen hören, „hat Frau Pohle den USA nach 12 Jahren den Rücken gekehrt“, die durch zahlreiche musikalische Auszeichnungen veredelt und letzten Endes durch eine Assistenzprofessur in den Humanities am San Francisco College of Music gekrönt wurden.

Beste Voraussetzungen also, um das echte Jazzgefühl nach „Good Old Germany“ zu transportieren. Und darauf können wir „German Krauts“ dann auch wohl mächtig Stolz sein, denn Pohle ist eine der wenigen deutschen Jazzvokalistinnen, denen der musikalische Spagat über den großen Teich leicht von der Hand bzw. über die Stimmbänder zu gehen scheint. Wenn auch die ein oder andere schwere Jazzkost die Leichtigkeit vermissen lässt, mit der eine Julie London damals den ihr durch die tragenden Töne aufgebürdeten Weltschmerz locker abschüttelt, so präsentiert Bettina Pohle ein beeindruckendes Klangvolumen, bei dem vor allem die tiefen Töne den Weg zum glücklich melancholisierten Zuhörer finden. Alles in allem ein schöner Ausflug in die Welt der dunstgeschwängerten US-Bar mit ihren zu mehreren Jahren Melancholie verknackten Insassen, zu denen sich nicht nur Jazzliebhaber in diesem Fall gern gesellen.

Bettina_Pohle_CD_CoverBettina Pohle & Talf Ruh Trio – „Sophisticated Lady“,
Oetason Records 2014