Werbung Osnabrück


Über alle Berge – Im neuen Roman von Peter Stamm geht ein Mann seinen Weg.

| Reinhard Stiehl

„Nicht alles, was man tat, hatte einen Grund.“ Dieser Satz taucht im neuen Roman des Schweizer Schriftstellers Peter Stamm (53) gleich zwei Mal auf. Zuerst denkt ihn Manuela, die Frau von Thomas; etwas später denkt ihr Mann Thomas dasselbe. Was war passiert? Thomas ist gegangen. Eines Tages ist er aufgestanden und losgegangen. Nicht um Zigaretten holen zu gehen, wie es das Klischee vorschreibt, sondern einfach so, ohne ersichtlichen Grund.

„Es war weniger ein Gedanke als ein Bild: die verlassene Bank im Morgenlicht, darauf die Zeitung, das Papier vom Tau gewellt, und die zwei Gläser, im halbvollen einige ertrunkene Fruchtfliegen.“

Gerade sind Thomas und Manuela mit ihren beiden Kindern aus dem Spanien-Urlaub zurückgekehrt und lassen den letzten Abend auf der Terrasse ihres Hauses ausklingen, da geht sie rein, um nach den Kindern zu sehen, und steht er auf und verschwindet. Ohne konkretes Ziel. „Nicht alles, was man tat, hatte einen Grund.“

Die Richtung?

„Du richtest den Stundenzeiger der Uhr auf die Sonne und auf der Winkelhalbierenden zur ein-Uhr-Markierung liegt Süden.“

(Alter Pfadfindertrick!)

Also nach Süden. „Weit über das Land“, so der Titel des Romans. – „Über alle Berge“ wäre wohl der treffendere Titel gewesen.

IMG_0964

Aber Peter Stamm mag keine Metaphern, obwohl er selbst damit arbeitet (auch das halbvolle Glas vom Beginn taucht später noch einmal auf), und er mag auch keine psychologischen Deutungen, obwohl er selbst mal für ein paar Semester Psychopathologie studiert hat.

Gut ist es erst dann, wenn man nichts mehr weglassen kann.

Stamm beschreibt. Das ist seine große Stärke. Dafür musste er zuerst das Weglassen lernen. Stamm erinnert sich:

„ (…) ich habe ganz lange eine ziemlich altkluge Art gehabt, die Leser zu bevormunden und zu belehren. Viele dieser Texte sind stellenweise peinlich und mühsam. Und auch langweilig. Dann habe ich angefangen, das raus zu streichen, was überflüssig war, und irgendwann war ich bei dieser reduzierten Sprache. Ich glaube, Hemingway hat gesagt, ein Text sei dann gut, wenn er einem nicht peinlich sei.“

Sein erster Roman „Agnes“ (1998), die Geschichte einer obsessiven Liebe, wurde deshalb gleich zum Bestseller und steht in der Erzähl-Tradition von Max Frisch und Peter Bichsel. Stamm bedient sich hier der sogenannten Metadiegese, einer Art Geschichte in der Geschichte, die wiederum die ursprüngliche Geschichte beeinflusst. Der Ich-Erzähler erfindet in der Geschichte mit Agnes eine Geschichte über Agnes und beide leben diese erdachte Geschichte in der erzählten Geschichte nach. Der erste Satz des Romans lautet deshalb: „Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet.“ Ob sie wirklich gestorben ist oder nur in der Geschichte, bleibt offen.

(Vergl. Max Frisch: „Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht. Jetzt sucht er die Geschichte seiner Erfahrung – man kann nicht leben mit einer Erfahrung, die ohne Geschichte bleibt.“)

peter-stamm-01 Peter Stamm, Foto: Stefan Kubli

In seinem neuesten Roman „Weit über das Land“ nimmt Peter Stamm beide Erzählperspektiven ein: die von Thomas, der sich auf abgelegenen Wegen aus dem Staub macht, damit er nicht erkannt wird; und die von Manuela, die zunächst eine bürgerliche Fassade aufrechterhält, weil sie die Hoffnung nicht aufgibt, dass ihr Mann genauso unvermittelt zurückkommt wie er gegangen ist.

Über alle Berge

Nachdem Manuela ihren Mann Tage später doch als vermisst meldet, kommt die Polizei ihm auf die Spur, findet ihn aber nicht. Auch Manuela heftet sich an seine Fersen, verpasst ihren Mann jedes Mal nur knapp. Wenn sie gerade da ist, wo er kurz vorher war, ist er schon wieder weg. Buchstäblich über alle Berge.

Von seinem Zuhause im Schweizer Kanton Thurgau (mehr wird im Roman nicht verraten) geht er über Braunau, vorbei am Zürichsee und weiter über das Wägital bis in die Schweizer Alpen, hinauf zum Pragelpass und weiter ins Gotthardgebiet.

Gotthard_1_20105208

Als sich Thomas’ Spur verliert, bricht Manuela innerlich zusammen. Und Thomas fällt in eine Gletscherspalte. Aber beide berappeln sich wieder. Manuela steht wieder auf und Thomas klettert wieder heraus. Von nun an gehen beide getrennte Wege. Dabei scheint es, als kämen sie sich mit zunehmender räumlicher Distanz in Gedanken immer näher. Und so erklärt sich wohl auch sich das Zitat, das Peter Stamm seinem Roman voran stellt:

„Wenn wir uns trennen, bleiben wir uns.“

Es stammt aus „Zündels Abgang“ (1984), dem Debüt-Roman des Schweizer Schriftstellers Markus Werner, der sozusagen Pate stand für Peter Stamm. Vielleicht hat ihn auch Joshua Ferris und sein Roman „Ins Freie“ inspiriert, wo ein Mann eines Tages wie aus einem inneren Zwang heraus nicht mehr aufhören kann zu gehen. Bis an sein Lebensende.

„Vielleicht gab es viele wie ihn, dachte Thomas, war er Teil einer über die Welt verstreuten Bruderschaft von Wanderern. Er dachte an die Tiere, die Fisch- und Vogelzüge von Kontinent zu Kontinent, die Bewegung überall auf der Welt, die ihm natürlicher erschien als die Sesshaftigkeit.“

Im dritten Teil des Romans verändern sich die räumlichen und zeitlichen Abstände. Manuela erklärt Thomas für tot.

„Er ist vor zwei Jahren gegangen, sagte sie dann.“

Totgesagte leben bekanntlich länger. Thomas geht weit über die Schweiz hinaus, kreuz und quer durch Europa. (Die Grenze in die Schweiz übertritt er dabei nicht mehr.) Aber es ist noch nicht das Ende.

„Ein Gebäude, hatte er irgendwo gelesen, sei erst fertig, wenn es zur Ruine zerfallen sei. Vielleicht galt dasselbe für Menschen.“

Und vielleicht sogar für Bücher, denn das Ende hält noch eine Überraschung bereit.

Auch in „Weit über das Land“ enthält sich Peter Stamm jeglicher Erklärung und Deutung. Er beschreibt. Genau das macht diesen Roman, der mehr eine Novelle ist, so irritierend, so grundlos. Aber vielleicht macht gerade das ihn so lesenswert.