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Zeitgeist-Mädchen: Die Band BOY repräsentiert die „Generation Biedermeier“.

| Reinhard Stiehl

Seit der Veröffentlichung ihres ersten Albums „Mutual Friends“ haben sie sich vom Geheimtipp zum Senkrechtstarter entwickelt: das Damen-Duo Valeska Steiner und Sonja Glass, das sich – ausgerechnet – BOY nennt.

Titelmusik zum Kinofilm „Kein Sex ist auch keine Lösung“, Auftritte in der N3-Talkshow, bei Ina’s Nacht und zuletzt bei der Eröffnung der Berliner Filmfestspiele katapultierten BOY in wenigen Wochen ganz schnell nach ganz oben – 4 lange Jahre nach Gründung der Band.

BOY

BOY

Sonja Glass (li.) und Valeska Steiner sind der Gegenentwurf zu den Sternschnuppen aus den Casting-Shows, die ebenso so schnell verglühen wie sie aufleuchten. BOY sind künstlerisch statt künstlich. Keine Superstars oder Supertalente aus der Retorte, sondern Singer/Songwriter aus dem richtigen Leben. Und das schon seit vielen Jahren.

Die eine, die jüngere, Valeska (25), Schweizerin aus Zürich, Sängerin seit frühester Jugend und schon als 18jährige mit dem Gitarristen und Mundartsänger Adrian Stern auf der Bühne; die andere, die ältere, Sonja (34), Hamburgerin, gelernte Cellistin, seit vielen Jahren gern gebuchte Studio- und Live-Musikerin, die u.a. schon bei Goldjunge, Tic Tac Toe und Rosenstolz die Bassgitarre zupfte.

Kennengelernt haben sich die beiden 2005 an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater bei einem sechswöchigen Pop-Kurs. Beide waren auf der Suche – Valeska nach einem neuen Gitarristen, Sonja nach einer eigenen Band – und sie fanden in der jeweils anderen eine kongeniale Partnerin.

Seitdem machen sie gemeinsam Musik, nannten sich 2007 BOY, tüftelten unendlich lange an ihren ersten Songs, gaben kleine Konzerte und warteten auf einen Plattenvertrag. Der kam nach etlichen Absagen dann mit Produzent Philipp Steinke (Johannes Strate, Nils Frevert, Kim Frank) und mit Herbert Grönemeyer’s und Anton Corbijn’s Independent-Label Grönland, das BOY 2011 unter Vertrag nahm.

Grönland baute BOY von Anfang an als internationale Band auf. Dass Valeska Steiner die Songs in Englisch schreibt und ein nahezu akzentfreies, perfektes Englisch singt, kommt diesen Ambitionen mehr als zugute. BOY wird schon sehr bald weit über den deutschsprachigen Raum hinaus bekannt werden.

Ihre erste Single „Little Numbers“ ist eine ganz große Nummer. Schon jetzt ist ihre zweite Club-Tour fast ausverkauft und zahlreiche Zusatzkonzerte sind anberaumt. Danach wird man die Band wohl nur noch auf größeren Bühnen erleben.

Oxytocin statt Testosteron

Das Publikum von BOY besteht zum Großteil aus weiblichen Teenagern, nicht selten in Begleitung ihrer besten Freundin: der eigenen Mutter. Für sie sind Valeska Steiner und Sonja Glass verkörperte Vorbilder: echt und authentisch, lieb und romantisch. Sogar die Jungs aus der Band sind lieb und langhaarig, tragen Bärte und Mützen und halten sich im Hintergrund. Der moderne Typ „Junge“ eben – einfühlsam. Oxytocin statt Testosteron. Auf jeden Fall kein „Boris“.

Boris“ ist nach eigenen Angaben der Autorinnen der wohl härteste Song-Text auf dem ganzen Album. Boris ist nämlich ein echter Macho und Chauvi, der sich selbst wohl für unwiderstehlich hält und Valeska auf die ganz blöde Tour angräbt: „Oh what a cute dress, but right now it’s useless, I heard your boyfriend is out of town?“ – Aber da wird Valeska dann richtig böse und schimpft ganz doll mit Boris: „I said you should get out of town too!

Das ist dann aber auch schon das schlimmste, was auf der ganzen Platte passiert. Ansonsten handeln alle Text vom Aufbruch, vom Heimweh, vom Ankommen und vom Warten – auf seinen Anruf oder auf das wahre Leben. Das tut nicht nur keinem weh – das tut richtig gut.

Generation Biedermeier

Und so erweist sich BOY als die Band der „Generation Biedermeier“, wie das Marktforschungsinstitut Rheingold die heute 14 bis 24jährigen in ihrer jüngsten Jugend-Studie bezeichnet: einerseits zielstrebig und angepasst, andererseits tief verunsichert und zerrissen durch die Krisen in ihren Familien und in der Gesellschaft; einerseits kontrolliert und kompetent, anderseits ängstlich und absturzgefährdet.

Generation_Biedermeier

BOY trifft den Nerv dieser Generation – und den der folgenden Dekade, der beziehungsgestörten, bindungsunfähigen 24 bis 34jährigen, gleich mit.

Im Publikum rätselt zwar jede(r), ob Valeska Steiner und Sonja Glass vielleicht wirklich lesbisch sind, aber so genau will es dann eigentlich doch keiner wissen. Vielleicht haben sie sich ja auch einfach nur lieb. Auf die Frage einer Journalistin, was aus dem BOY wird, wenn er einmal erwachsen ist, antwortete Sonja, die 34jährige Komponistin und Gitarristin, grinsend: „Na, ein starker Kerl, er soll ja schließlich dereinst unsere Familien ernähren.“

BOY sind seit dem 18. Februar und noch bis zum 9. April auf einer intensiven Club-Tour durch Deutschland und die Schweiz. Es lohnt sich! Sofern man noch Karten kriegt …