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9/11 – der Loop der immergleichen Bilder.

Die Szenen haben sich eingebrannt in das Gedächtnis, wie die Flugzeuge in die Twin Towers. Man konnte ihnen genauso wenig entkommen wie die Menschen in den einstürzenden Türmen dem Tod. Kein Bild, keine Szene habe ich häufiger in meinem Leben gesehen, als die erste Maschine, die in den Nordturm flog.

Knapp ein Jahr vorher, im Oktober 2000 war ich auf dem Südturm. Zusammen mit meinem Freund Günther, den ich in New York besuchte. Ich kam von Chicago, wo ich beruflich zu tun hatte. Mit einer Maschine der United Airlines. Ähnlich der, die in den Südturm flog. Ich hatte mich noch gewundert über die laschen Kontrollen beim Einchecken. Aber es war ja nur ein Inlandflug.

Später hatte ich immer wieder das Bild der Überwachungskamera vor Augen, das Mohammed Atta zeigt, wie er nach dem Einchecken durch die Kontrolle geht. Man sieht einen Passagier, der es eilig hat. Man sieht keinen bärtigen Taliban, der eine Bombe unterm Turban trägt, sondern einen gepflegten jungen Mann im dunkelblauen Hemd mit Handgepäck, der zielstrebig auf sein Gate zusteuert. Man sieht einen Massenmörder um 5.45 Uhr Ortszeit. Genau 3 Stunden, bevor er das Flugzeug in den Nordturm steuert.

Es war ein anderes Bild als das mit den stechenden Augen und den zusammengepressten Lippen, das später in den Medien zum Angesicht des Terrors wurde. (Dabei handelte es sich übrigens um das Führerscheinbild Attas.)

Mit Günther war ich im Oktober 2000 hinauf auf die Aussichtplattform im 110. Stock des Südturms gefahren. Man musste den Aufzug zwei Mal wechseln, in der 44. und 78. Etage, wenn man nicht einen der schnellen Shuttle-Express-Aufzüge nehmen wollte. Günther, der etwas unter Platz- und Höhenangst leidet, wollte lieber die langsamen Aufzüge nehmen. Oben auf der Besucherplattfom blieb er zurück, während ich bis an den Rand ging und die Aussicht über den zweiten Turm hin nach Norden genoss. Linker Hand stieg ein Flugzeug über dem Hudson River auf, scheinbar zum Greifen nah.

Diese Erinnerungen schossen mir durch den Kopf, als ich die ersten Bilder der brennenden Türme auf CNN sah. Der Sender, dem ich sonst keinerlei Aufmerksamkeit schenkte beim Zappen durch die Programme, begleitete mich durch die nächsten Tage. Ich lernte die privaten Nachrichtensender schätzen, die schneller waren als die öffentlich-rechtlichen deutschen Medien. Und immer wieder die gleichen Bilder. Und meine Erinnerungen.

Wie so viele, die sich jetzt daran erinnern, wo sie sich am 11. September aufhielten, als die Nachrichten sie erreichten, war auch ich an dem Tag im Büro. Irgendwann zwischen drei und vier Uhr nachmittags kamen die ersten Meldungen. Dann war in der Agentur an Arbeiten nicht mehr zu denken. Ich versuchte Günther in New York zu erreichen. Ogilvy, die Agentur wo er arbeitete, war viele Blöcke entfernt vom World Trade Center, das wusste ich, aber ich rechnete damit, dass noch mehr passieren könnte, als bekannt wurde, dass es einen weiteren Anschlag auf das Pentagon gegeben hatte. Am Telefon nur ein Besetztzeichen, später erreichte ich Barbara, seine Frau, zuhause in Tuckahoe. Sie wusste, dass es Günther gut ging.

Er erzählte mir später, dass er seinen Arbeitsplatz erst verlassen hat, als das Gebäude, in dem sich seine Agentur befand, schon fast vollständig geräumt war, und in aller Seelenruhe die menschenleere Treppe nach unten gegangen ist. Hinaus auf die Straße. Und zu Fuß weiter nach Norden. Dieses „Bild“ fiel mir immer ein, wenn ich später die Dokumentationen über die einstürzenden Türme sah. Und die entsetzten Menschen auf der Flucht vor der riesigen Staubwolke.

Kein Krieg, keine Katastrophe wurde derart umfangreich und vollständig in Bildern festgehalten, die jetzt zum 10 Jahrestag des Anschlags wieder abgerufen werden. Es ist eigentlich alles gesagt und gezeigt und dutzendmal wiederholt worden. Die Schleife des Schreckens. Aber für mich brauchte es diesen Jahrestag, um zum ersten Mal aufzuschreiben, was sich bis heute in meine Erinnerung eingebrannt hat. (Und ich kann es jedem nur empfehlen.)

„America under attack“ war für mich der Beginn des 21. Jahrhunderts, während das Millennium, der Jahrhundert- und sogar Jahrtausendwechsel, noch ohne große Gefühle an mir vorbei gegangen war. Das änderte sich am 11. September 2001. Es war der Beginn eines verlorenen Jahrzehnts voller sinnloser und wiederkehrender Kriege, Krisen und Katastrophen. Und weiterer „großer“ Terroranschläge auf Bali und in Madrid, London, Beslan, Mumbai oder Moskau, zuletzt in Oslo, von denen aber keiner auch nur annähernd die Symbolkraft von „9/11“ erreichte.

Zeiten ändern sich. Bilder bleiben.