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„Beginners“ – ein Film (nicht nur) für Anfänger

„Beginners“ ist die Geschichte von Hal, einem alten Mann, der sich nach dem Krebstod seiner Frau mit 75 Jahren als schwul outet, in den letzten Jahren bis zu seinem Tod noch einmal auflebt … und seine sexuelle Orientierung auslebt. Und es ist die Geschichte seines Sohnes Oliver (38), der sich – noch gefangen in der Trauer um den Tod seines Vaters – unsterblich in Anna (32) verliebt.

Das Problem: Oliver und Anna sind extrem bindungsunfähig wie so viele “Thirty-Somethings” heutzutage. Ja, und dann ist da noch der Hund Athur, der nicht sprechen, aber bis zu 150 Wörter verstehen kann, auf die er dann in Untertiteln antwortet (denn schließlich kann er ja nicht sprechen). Das ist erstaunlicherweise gar nicht albern, sondern sehr witzig.

Das Beste an „Beginners“ ist weniger die autobiografische Geschichte seines eigenen Vaters, die Regisseur Mike Mills hier verfilmt hat, sondern viel mehr, wie diese Geschichte erzählt und gespielt wird.

Film-Vater Christopher Plummer (Hal) und Original-Sohn, Regisseur Mike MillsErstaunliche Ähnlichkeit: Film-Vater Christopher Plummer (Hal) und Original-Sohn, Regisseur Mike Mills.

Es gibt drei Handlungsstränge, zwischen denen der Film hin und her springt: die „bleierne“ Zeit, in der Hal sein Schwulsein über 40 Jahre hinter einer Ehe versteckt, in die Oliver als einziges Kind geboren wird. Die Zeit nach dem Tod der Mutter mit dem Coming Out des Vaters zwischen 1999 und 2003. Und die Zeit nach dem Tod des Vaters, in der Oliver trauert und Anna begegnet. „Beginners“ ist sozusagen die Verfilmung eines ungeschriebenen Romans. Man kann ihn – im übertragenen Sinn – auch „lesen“. Das ist insofern bemerkenswert, als dass Regisseur Mills vor allem durch Werbespots und Musik-Videos bekannt wurde. Sein Spielfilm „Thumbsucker“ (Daumenlutscher) von 2005 fand bei Kino-Insidern bereits viel Beachtung.

„Beginners“ ist ein ruhiger Film. Er verliert auch in den traurigsten Momenten nicht seinen Humor und in den lustigsten Momenten nicht seine Tiefe. Das unterscheidet ihn von allen amerikanischen Liebesfilmen der letzten Jahre.

Das liegt natürlich vor allem an den Darstellern. Allen voran Christopher Plummer (zuletzt neben Helen Mirren als Tolstoi in „Ein russischer Sommer“), der den „Daddy Schwul“ (SPIEGEL) zum Leben erweckt und mit Leben erfüllt.

Dann: der Schotte Ewan McGregor, bekannt als Obi-Wan Kenobi aus „Star Wars“ (Episode I-III), der es später ablehnte, die Rolle des James Bond in „Casino Royale“ zu übernehmen und zuletzt für seine Rolle als „Ghostwriter“ (Regie: Roman Polanski) den europäischen Filmpreis erhielt. McGregor verleiht dem beziehungsunfähigen Grafik-Designer Oliver eine so wunderbar traurige Gestalt, dass sämtliche weiblichen Kinobesucher sich wohl am liebsten persönlich um ihn kümmern würden.

Anna (Melanie Laurent) und Oliver (Ewan McGregor)Die Liebe in Zeiten der Beziehungsunfähigkeit: Anna (Melanie Laurent) und Oliver (Ewan McGregor) haben sich nicht gesucht, aber gefunden … und stehen ihrem Glück nun selbst im Weg.

Das übernimmt dann allerdings Melanie Laurent in der Rolle der einigermaßen erfolglosen Schauspielerin Anna. Sie ist die eigentliche Entdeckung dieses Films. Man kannte sie schon aus Tarantinos „Inglourious Basterds“, aber „Beginners“ dürfte ihr endgültiger Durchbruch sein.

Als sich Anna auf einer Helloween-Party zu dem als Sigmund Freud verkleideten Oliver auf die Couch legt, kriegt sie keinen Ton heraus und kommuniziert nur mit Stift und Zettel. Liebesgeflüster mit Halskatarrh, sympathisch verhindert. Anna und Oliver, zwei Partner, die sich nicht gesucht, aber gefunden haben und ein perfektes Paar abgäben, wenn sie ihrem Glück nicht selbst im Weg stünden.

Sogar die Darstellung der nicht nur um ihr Sexualleben betrogenen Mutter gelingt Mary Page Keller („Mad Men“) in ihrer Nebenrolle voller Melancholie und Laszivität und mit geradezu anarchischem Charme. Die Rückblenden mit den flüchtigen Abschiedsküssen, die der schwule Hal seiner Ehefrau aus Pflichtgefühl im Vorbeigehen aufdrückt, um sie anschließend in ihrer ganzen Sinnlichkeit und Sehnsucht einfach stehen zu lassen, prägt sich bei Oliver ebenso nachhaltig ein wie beim Zuschauer.

Ganz gleich, welche der Handlungsstränge man nimmt, es geht immer nur um eins: die Liebe. Und es scheint, als wären alle Beteiligten – unabhängig vom Alter und egal, ob sie schwul, hetero oder einfach nur frustriert sind – erst am Beginn ihres Liebeslebens.

Deshalb ist „Beginners“ ein Film für Anfänger … und Neu-Anfänger.