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„Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“

„Du sollst Vater und Mutter ehren, auf dass es Dir wohl ergehe und Du lange lebst auf Erden“, lautet das 4. Gebot. Nicht ganz so einfach, wenn die eigene Mutter einem Sekunden nach der Geburt ein Kissen auf den Kopf drückt und man nur dank des beherzten Einschreitens einer Hebamme überlebt. Oder wenn einem der eigene Vater jahrelang regelmäßig mit der flachen Hand ins Gesicht schlägt: „Vorhand, Rückhand, Vorhand, Rückhand, Vorhand, Rückhand.“ Oder einem solange den nackten Hintern mit einer Holzlatte versohlt, bis diese bricht. (Wobei es natürlich die Seele ist, der gebrochen werden sollte.)

Wie man trotzdem kein Opfer wird, das beschreibt Andreas Altmann in seinem autobiografischen Roman (man kann den Titel nicht oft genug wiederholen): „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“. Dieser Titel erregt Aufsehen: So nennt man doch kein Buch! Oder: Wenn einer sein Buch so nennt, dann will er doch nur Aufmerksamkeit erregen. Stimmt! Denn dieses Buch hat die Aufmerksamkeit auch verdient.

Erst, als ihm dieser großartige Titel für sein Buch einfiel, so Altmann heute, konnte er es schreiben. Er musste dafür 60 Jahre alt werden. Das erste Drittel seines Lebens – seine „eigene Scheißjugend“ – verbrachte er im bayrischen Wallfahrtsort Altötting, der sich selbst „Das Herz Bayerns“ nennt. (Andreas Altmann nennt seine Geburtsstadt heute einen Geburtsfehler.) Für ihn wurde Altötting, das jedes Jahr Ziel von über einer Millionen Pilger ist, zum Inbegriff für die ganze Scheinheiligkeit der katholischen Kirche.

Hier spielt auch „Das Scheißleben meines Vaters“, eines seelenlosen, verrohten Kriegs-Heimkehrers und SS-Mannes, der fortan Krieg gegen seine eigene Familie führt. Franz Xaver Altmann ist der „Rosenkranzkönig von Altötting“, er betrteibt – wie vor ihm schon sein Großvater und sein Vater – das größte Devotionaliengeschäft am Platz und verkauft tausenderlei religiösen Tand an beseelte Pilger: Kreuze mit und ohne angenageltem Jesus, die Mutter Gottes in der Schneekugel, betende Hände aus Metall.

Die schwarze Madona von Altötting – jedes Jahr das Ziel hunderttausender Pilger.

Andreas Altmann gliedert sein Buch in drei Kapitel:
DER KRIEG/Teil 1
DER KRIEG/Teil 2
NACHWORT.

In DER KRIEG/Teil 1 steht vor allem „Das Scheißleben meiner Mutter“ im Mittelpunkt. Der Grund, warum Elisabeth Altmann ihrem Sohn Andreas gleich nach der Geburt ein Kissen auf den Kopf drückt, ist ein einfacher: Er ist bereits der vierte Sohn und wieder keine Tochter. Der männliche Nachkomme verkörpert für seine Mutter stellvertretend das Geschlechtsteil seines Vaters, ihres Ehemannes, der sie missbraucht, wann immer ihm danach ist. Sie will keinem weiteren Vertreter dieses grausamen Geschlechts das Leben schenken. Andreas wird gerettet, leidet aber zeitlebens unter Atemnot. Erst der Hinweis eines „Urschrei“-Therapeuten bringt ihn Jahrzehnte später auf die Spur des versuchten Totschlags durch seine eigene Mutter. Altmann gelingt es, die Hebamme ausfindig zu machen und seine Mutter zu konfrontieren.

Am Ende von Teil 1, Elisabeth Altmann ist längst eine gebrochene Frau und psychisch schwer krank, jagt ihr Mann sie schließlich vom Hof. Da ist sie Mitte 40 und bis zum Tod ihres Mannes werden ihre Schließmuskeln versagen, sobald sie auch nur seine Stimme hört. Sie ist ein Opfer, das beinahe zur Täterin wird, aber nicht in der Lage ist sich zu wehren. Natürlich ist auch ihr Mann, der Täter, im Grunde ein Opfer; Verlierer und Versager, voller Wut und Aggression. Dass er trotzdem kein Mitleid verdient, zeigt DER KRIEG, Teil2.

„Meine eigene Scheißjugend“ ist der Gegenstand dieses zweiten Kapitels. Nachdem die Mutter aus dem Haus ist und durch eine linkische und devote Hausmamsell ersetzt wurde, „widmet“ sich Franz Xaver Altmann der Erziehung – und das meint nichts anderes als Züchtigung – seines Sohnes Andreas. Auch die anderen Brüder bekommen „ihr Fett weg“, aber keinen trifft es so brutal wie den jüngsten. Physisch und psychisch. Er lässt keine Gelegenheit aus, Andreas als totalen Versager bloßzustellen, bevorzugt vor Publikum. Der Weg seines Sohnes scheint ebenso vorgezeichnet wie der seiner Frau. Aber Andreas Altmann tut seinem Vater diesen „Gefallen“ nicht. Er betrügt und hintergeht ihn, wo immer sich Gelegenheit dazu bietet und hält auch die drakonischen Strafen aus, wenn er entdeckt oder von seinem ältesten Bruder verraten wird. Er schafft es, seine Würde zu wahren, indem er dem Vater bei seinen bestialischen Prügelorgien direkt in die Augen sieht. Und er träumt sich fort in eine Grandiosität, in der er zwar ständig scheitert, die ihn aber letztlich weiterleben (überleben) lässt.

Ein Traum hat es Andreas Altmann dabei ganz besonders angetan: „Die Globetrotter“, eine Abenteuerserie, die Ende der 60er Jahre im Vorabendprogramm des Deutschen Fernsehens lief. Der Reporter Pierre (Yves Rénier) und sein Fotograf Bob (Edward Meeks) werden die Helden seiner Jugend. Andreas träumt davon, die Welt zu bereisen und darüber zu berichten. „Re-porter“ zu sein, einer, der im (französischen) Wortsinne etwas mit zurückbringt von seinen Weltreisen.

Ausführlich widmet sich Altmann der Rolle der katholischen Kirche. Missbrauch und Gewalt sind auch in Altötting an der Tagesordnung, dazu all die bigotten Bilder von Unreinheit, Unkeuschheit und Unschamhaftigkeit, und die Beichte, in der die Geistlichen genüsslich nach allen Details fragen: „Allein oder mit anderen?“

Nach endlosen Demütigungen und Folterungen, die es aber letztlich nicht schaffen, den jungen Andreas zu brechen, kommt es schließlich zum Showdown zwischen ihm und seinem Vater. „Der 8. Mordversuch“, wie Altmann heute sagt. Sieben Mal hatte er sich nur vorgestellt, seinen Vater zu töten, bevorzugt mit einer spanischen Garotte. Nun, mittlerweile 18 Jahre alt, wehrt er sich. Aber er schlägt seinen Vater nicht tot, er tritt ihm einfach nur entgegen, weicht nicht mehr vor ihm zurück. Franz Xaver Altmann bekommt es plötzlich mit der Angst zu tun und duckt sich vor seinem Sohn. Das genügt dem Sohn. Er verlässt das Haus.

Wer nun glaubt, es sei überstanden, weiß wenig von der geschundenen Seele eines Kindes im Körper eines Erwachsenen. Erst weitere 19 Jahre und dutzende von Therapien später findet Andreas Altmann seine Bestimmung. Bis dahin lebt er von Gelegenheitsjobs, vom Taxifahren und von mittelmäßiger Schauspielerei. Immer in dem Bewusstsein, ein Versager zu sein. Der „innere Vater“ hätte ihn am Ende fast besiegt. Fast!

Das NACHWORT des Buches handelt vom zweiten Lebensabschnitt des heute 62jährigen und erzählt, wie er in der Mitte seines Lebens und ohne jede Therapie endlich seine Berufung findet, die ihn als Reisereporter erfolgreich und bekannt macht. Dieses kürzeste Kapitel ist zweifellos das stärkste, weil hoffnungsvollste des Buches, was vielleicht auch daran liegt, dass man die ersten beiden hinter sich gebracht hat. Altmann versteht es aber, einen mit seiner Sprache so zu fesseln, dass man sich davon genauso wenig losreißen kann wie der junge Held des Buches von seinem Elternhaus. Andreas Altmann will keine Heulsuse sein, die sich in ihrem Leid suhlt und andere für das eigene „Scheißleben“ verantwortlich macht: „Ich kann Opfer nicht ausstehen, ich war selbst zu lange eins.“

Man kann dem Verleger Marcel Hartges nur danken, dass er den Titel dieses … ja, auch wenn es merkwürdig klingt … absolut lesenswerten Buches zugelassen hat: „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“.