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Der fabelhafte Guttenberg – und was er über uns verrät.

Beginnen wir mit einem Zitat und machen es auch als solches kenntlich:

1851 wird ein Hochstapler in dem Buch „Die gefährlichen Klassen Wiens“ definiert als „ein gefährlicher Bettler, der mit falschen Attesten über erlebte Unglücksfälle oder dergleichen und, indem er gewöhnlich adlige Namen und Titel sich beilegt, vorzüglich die höheren Stände brandschatzt.“

Der Begriff Hochstapler bedeutete ursprünglich Bettler. Stapeln entstammt einer Theorie zufolge aus dem Rotwelsch und bedeutete betteln, tippeln. Die Silbe hoch wiederum besagt, dass die Person sich als vornehm ausgibt.

Unrechtmäßige Führung akademischer Grade wird einem Hochstapler vor allem dann vorgeworfen, wenn er sich zum Beispiel zu Unrecht ‚Doktor’ nennt.

Quelle für alle o.g. Zitate: Wikipedia. (Obwohl Wikipedia ja genau genommen selbst keine Quelle ist, sondern wiederum nur aus Quellen zitiert.)

Hochstapler sind oft sympathische Menschen mit guten Manieren. Devid Striesow verkörperte zuletzt einen solchen Hochstapler in dem Film „So glücklich war ich noch nie“. Und Hochstapler halten uns einen Spiegel vor: „Mundus vult decipi“ – Die Welt will betrogen werden. Dieses Zitat stammt von Titus (manchmal auch Gaius) Petronius Arbiter, der zu Kaiser Neros Zeiten lebte, und den man als Autor des „Satyricon“ annimmt.

Einfache Postboten werden zu Oberärzten, kleine Bankangestellte zu Chirurgen – jeweils mit gefälschten Doktortiteln, manchmal sogar gleich mehreren. Und nicht selten werden sie von ihren unfreiwilligen Kollegen und Patienten gleichermaßen geschätzt. Auch Karl May gab sich zeitweilig als „Dr. Heilig“ aus. Insbesondere die in der Gesellschaft hoch angesehenen Mediziner reizen Hochstapler, sich als solche auszugeben. Das sagt nicht nur etwas über die Hochstapler, sondern auch über unsere Gesellschaft aus.

Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg hat sich zu Unrecht „Dr.“ genannt. Seine Doktorarbeit war in großen Teilen ein Plagiat. Als er sie abgab, wurde sie mit summa cum laude, „mit höchstem Lob“ ausgezeichnet. In Noten ausgedrückt: eine 1+. Tatsächlich hätte sie mit „insufficienter“, an erheblichen Mängeln leidende und deshalb insgesamt nicht mehr brauchbare Leistung bewertet werden müssen, mit anderen Worten: Note 6.

Warum tut er sich das an? Hat er das nötig?

Das ganze Ausmaß seines Persönlichkeitsstils wird deutlich, wenn man sieht, wie er sich aus der Affäre zu ziehen versucht. Wies er die gegen ihn erhobenen Vorwürfe anfangs noch nach Gutsherrenart als „abstrus“ zurück, entschuldigte er sich schon wenige Tage später in unerträglich larmoyanter Weise wieder dafür, bemühte sogar das Bild vom überforderten Familienvater.

Alle sind peinlich berührt und je nach Parteizugehörigkeit wird der Minister nun moralisch abgeurteilt oder strategisch verteidigt. Und beide Lager haben recht. Die Regierungskoalition, wenn sie der Opposition unterstellt, sie wolle den allseits beliebten Minister aus Neid und Missgunst demontieren. Und die Opposition, weil sie ein solches Verhalten für einen Minister nicht tolerabel findet. (Man kann übrigens wirklich „tolerabel“ statt „nicht tolerierbar“ sagen; es wäre bestes Guttenberg-Deutsch.)

Und wie immer weisen bei dem Finger, der auf den anderen zeigt, drei Finger auf uns zurück. Wie wurde zu Guttenberg zu dem, was er heute ist – der mit Abstand beliebteste Politiker Deutschlands? Wer hat ihn dazu gemacht?

Hochachtung gebührt dem Freiherrn zunächst einmal für seinen eigenen Anteil. Sein Aussehen, sein Auftreten, seine Eloquenz, seine Frau, seine Kinder, seine Herkunft – alles wie aus dem Märchenbuch. Am liebsten möchte man die Monarchie, wenigstens die konstitutionelle, für ihn wieder einführen. Zu Guttenberg ist die Personifizierung dessen, was man heute gerne als „wertkonservativ“ bezeichnet. Dabei durchaus modern. Ein zukünftiger Kanzler. Und ein noch besserer Bundespräsident.

Zu schön, um wahr zu sein.

Denn eigentlich ist zu Guttenberg nur eine Projektionsfläche unserer (verborgenen) Wünsche. Und wenn er uns jetzt so bitter enttäuscht und sich womöglich noch als arroganter adliger Schnösel und Aufschneider entpuppt, wird nicht nur er, sondern werden wir selbst entlarvt.

Wir wollen es entweder nicht wahrhaben und verteidigen ihn bis aufs Messer oder wir waren vorher so neidisch auf seinen Erfolg, dass wir nur darauf gewartet haben, unserer Wut nun endlich freien Lauf lassen zu können.

„Toute nation a le gouvernement qu’elle mérite.“ Dieses Zitat wird dem französischen Diplomaten Graf Joseph Marie de Maistre, einem Monarchisten und Gegner der Französischen Revolution, zugeschrieben. Frei übersetzt: „Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient.“ Und das gilt wohl erst recht für die Minister.

Als Agentur für Öffentlichkeitsarbeit und Krisenkommunikation interessiert uns Ihre Meinung. Was würden Sie an zu Guttenbergs Stelle jetzt tun? Und was würden Sie ihm als Berater empfehlen? Antworten Sie uns hier!