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Ferdinand von Schirach – die Kunst des Wörter Weglassens.

Sein neuer Roman „Der Fall Collini“ ist umstritten. Von der Gegenseite wird sogar bestritten, dass es sich überhaupt um einen Roman handelt. Bestenfalls um eine Novelle! Die F.A.Z. verreißt das Buch, andere plädieren auf mildernde Umstände. Schließlich waren die Vorgänger, die Kurzgeschichtenbände „Verbrechen“ und „Schuld“, noch über jeden Zweifel erhaben. Ein Plädoyer für den Herrn Verteidiger.

Für alle, denen der Name Ferdinand von Schirach nichts sagt: sein Großvater Baldur von Schirach war Reichsjugendführer der NSDAP – und Ehrenbürger der Stadt Melle. Ferdinand von Schirach ist Strafverteidiger in Berlin – und Schriftsteller. Er gilt als „Promi-Anwalt“, verteidigte u.a. Gunter Schabowski im Politbüroprozess, erstattete Anzeige gegen den BND in der Liechtenstein-Steuer-CD-Affäre und vertrat die Familie von Klaus Kinski. 2009, im Alter von 45 Jahren, veröffentlichte er sein erstes Buch mit Kurzgeschichten. Ein Jahr später sein zweites.

Ferdinand von Schirach

Beide Bücher, die auf realen Fällen beruhen, sind Bestseller, die vor allem wegen ihrer nüchternen Sprache hoch gelobt werden. Gefragt nach dem Geheimnis seiner Sprache, antwortet von Schriach: das Weglassen von Metaphern, Synonymen und Adjektiven. Wenn einer atmet, dann schreibt von Schirach, dass er atmet. Weiter nichts. Geschichten wie Berichte. Für den schreibenden Anwalt zählt einzig der „Plot“. Der muss gut sein, dann ist die Geschichte gut und schreibt sich praktisch von selbst. Von Schirach untertreibt. Man könnte fast meinen, er kokettiert damit.

Ein Bericht gibt nur den Tathergang wieder und soll nicht bewerten. Von Schirachs Geschichten ergreifen eindeutig Partei – für die „Geschundenen“. So bezeichnet er die Täter in seinen Geschichten. Es ist kein falsch verstandenes Mitleid mit den Tätern, die allesamt auch Opfer sind. Von Schirach weiß sehr gut zwischen Recht und Gerechtigkeit zu unterscheiden. Aber er urteilt nicht, er betrachtet.

Mit wenigen Worten beschreibt er Menschen und Orte, die Vorstellung davon bildet sich im Kopf des Lesers. Der Held seines neuen Romans, Caspar Leinen, hat sich gerade als Strafverteidiger niedergelassen, und gut dotierte Angebote der großen Wirtschaftskanzleien ausgeschlagen.

Der Fall Collini

„Leinen mochte diese Achthundert-Anwälte-Büros nicht. Die jungen Leute dort sahen aus wie Bankiers, sie hatten erstklassige Examina, kauften Autos, die sie sich nicht leisten konnten, und wer am Ende der Woche den Mandanten die meisten Stunden in Rechnung stellte, war der Sieger. Die Partner solcher Sozietäten hatten ihre zweite Ehe hinter sich, sie trugen am Wochenende gelbe Kaschmirpullover und karierte Hosen.“

„Klischee“ rufen die Kritiker, aber die Leser wissen sofort was gemeint ist. Mehr Worte braucht es nicht.

Caspar Leinen verteidigt einen Schuldigen: Fabrizio Collini, ein pensionierter Werkzeugmacher, hat den Maschinenbau-Unternehmer Hans Meyer im Hotel Adlon in Berlin mit vier Schüssen hingerichtet und den Toten mit Fußtritten ins Gesicht geschändet. Der mutmaßliche Mörder ist überführt und geständig, nennt aber kein Motiv für seine Tat. Caspar Leinen wird als Pflichtverteidiger bestellt. Der erste Strafprozess für den jungen Anwalt.

Die Geschichte ist fiktiv, aber sie hat einen realen Hintergrund, der einem das Blut gefrieren lässt. (Eine Metapher, die von Schirach niemals verwenden würde.) Mehr sei jetzt noch nicht verraten, um den Plot nicht vorweg zu nehmen.

Das klingt nach amerikanischem Gerichtsdrama und „Der Fall Collini“ liest sich stellenweise auch wie das Buch zum Film. Eine filmische „Übersetzung“ der Sprache von Schirachs dürfte allerdings schwierig werden. (Vielleicht ein „Film Noir“?)

Es gibt Krimis, von denen gesagt wird, sie seien eigentlich Romane, zum Beispiel die ausgezeichneten Bücher von Ulrich Ritzel. Und es gibt Romane, die kommen daher wie ein Krimi. So wie der „Der Fall Collini“ von Ferdinand von Schirach. Aber in Wahrheit sind es großartige Erzählungen.