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Tyrannosaurus Rex oder die Entdeckung der (un-)populären Musik.

Er sang „Wear your hair long, babe you can’t go wrong“ und ich trug mein Haar zuhause noch hinter den Ohren, damit man nicht sah, wie lang es war. Kaum hatte ich unsere Wohnung verlassen, strich ich es über die Ohren, die davon gerade mal halb bedeckt waren. Ich war 12, wurde 13 in dem Jahr, als ich meine erste Lieblingsband entdeckte. Es war die einzige, von der ich jemals einen kompletten Star-Schnitt aus der BRAVO besaß.

Marc-Bolan

Er sang „Catch a bright star and place it on your forehead“ und begründete damit eine neue Bewegung: den Glam-Rock. Das war 1971. Und der Song, aus dem beide Zitate stammen, glich mehr einem Kinderreim als den harten Rockklassikern dieser Zeit: „Ride a white swan“ von den T. Rex.

Damit begann die beispiellose Karriere von Marc Bolan, dem Kopf der Band. Mehr noch: Marc Bolan war T. Rex. Sein Partner Mickey Finn war nicht mehr als ein Statist … der Freund des Helden. Er trommelte auf großen Bongos herum, sang mit seiner Fistelstimme im Background mit und sah dabei vor allem gut aus.

Original BRAVO-Starschnitt der T. RexOriginal BRAVO-Starschnitt der T. Rex

Aber das Markenzeichen der T. Rex war Marc Bolan mit seiner Lockenmähne und den glitzernden Sternen auf der Stirn. Die T. Rex produzierten 1971/72 einen Hit nach dem anderen: Hot Love, Get It On, Telegram Sam, Metal Guru. Allesamt wochenlang auf Platz 1 in den Charts. 1973 wurden die Platzierungen langsam schlechter, 1974 war der „Spuk“ schon fast wieder vorbei. Die T. Rex hielten sich noch – mehr schlecht als recht – zwei weitere Jahre (75/76) in den Hitparaden, belegten aber nur noch hintere Plätze. Mit dem frühen Tod Marc Bolans endeten auch die T. Rex. 1977 starb er den „James-Dean-Tod“ bei einem Unfall mit seinem Mini Cooper.

Glam Rock: Trash vs. Kult

Fälschlicherweise wird Gary Glitter oft als Begründer des Glam Rocks genannt, weil er die glitzernden Sterne ja quasi im Namen trug. Aber Glitter war nur einer der „Follower“ wie später Sweet, Slade und viele andere, die den Glam Rock zu einer Karikatur seiner selbst machten. Lächerliche Figuren in grauenhaften Kostümen mit katastrophalen Frisuren: Trash. Dagegen die T. Rex: Kult.

Neben Marc Bolan sollte man noch David Bowie als Ikone des Glam Rock nennen. Beide, Bolan und Bowie, wurden von Tony Visconti entdeckt und produziert. Visconti ist sicherlich der „Dritte im Bunde“, wenn es um Glam Rock geht. Er spielte auch diverse Instrumente auf den Alben von Bolan und Bowie und arrangierte die Geigen auf „Ride a white swan“. (Heute produziert Visconti die Alben von Morrissey.)

Was Bolan und Bowie verband, war ihr androgyner Auftritt in schillernden Outfits. Beide produzierten sich als Stars und spielten gleichzeitig mit dieser Rolle. Den Song „The Prettiest Star“ nahm Bowie zunächst mit Bolan als Gitarristen auf. Die Erstveröffentlichung 1970 war ein Flop. Erst 1973, auf dem Bowie-Album „Aladdin Sane“, fand der Song die angemessene Beachtung.

Bowie

Weitgehend unbekannt ist, dass sowohl Bolan als auch Bowie bereits lange vor ihrer „offiziellen“ Karriere als Musiker arbeiteten.

T. Rex war denn auch nur das Kürzel des ursprünglichen Bandnamens „Tyrannosaurus Rex“. Weil Produzent Visconti der Name zu lang war, kürzte er ihn auf T. Rex. Marc Bolan war damit zunächst nicht einverstanden, aber da er sich zur gleichen Zeit von seinem ersten musikalischen Partner trennte und von der akustischen zur elektrischen Gitarre wechselte, stimmte er schließlich dem Kürzel T. Rex zu, das zum Synonym einer ganzen Musikrichtung werden sollte.

Die Tyrannosaurus Rex entdeckte ich erst 1972, als die T. Rex bereits auf dem Höhepunkt ihrer Karriere waren und ihre ehemalige Plattenfirma „Fly Records“ die Gunst der Stunde nutzte, um eine alte Single wiederzuveröffentlichen: „Debora“. 1968, zum Zeitpunkt ihrer Erstveröffentlichung, schaffte es „Debora“ gerade mal auf Platz 34 der englischen Charts. (1972 immerhin auf Platz 7.)

Harmonisch, orientalisch, mystisch

Der Song war anders als alles, was die T. Rex machten. Bolan spielte akustische Gitarre und jemand, der sich Steve Took nannte, trommelte dazu mit unglaublichem Tempo oder er spielte die exotischten Instrumente und sang die zweite Stimme zu Bolans markantem Vibrato. Wunderbare Harmonien, aber sehr eigenartig. Vieles klang orientalisch, fast mystisch, passte aber gut zu den psychodelischen Texten.

Marc Bolan und Steve Took hatten sich 1967 in einem makrobiotischen Imbiss in London kennengelernt und Tyrannosaurus Rex gegründet. Anfangs tourten sie durch kleine Clubs und boten ihre Stücke im Schneidersitz dar, bis der berühmte Disc Jockey John Peel auf die beiden aufmerksam wurde, sie zu einer seiner legendären Sessions ins Radio 1 Studio einlud und diese merkwürdige Band in seinen Sendungen einem größeren Publikum zugänglich machte.

Steve Took und Marc Bolan: Tyrannosaurus RexSteve Took und Marc Bolan: Tyrannosaurus Rex

Die ersten beiden Alben von Tyrannosaurus Rex trugen geradezu märchenhafte Titel: „My People Were Fair and Had Sky in Their Hair… But Now They’re Content to Wear Stars on Their Brows“ (mit der Single-Auskopplung „Debora“) oder „Prophets, Seers and Sages – The Angels of the Ages“ (in Deutschland unveröffentlicht). In der Londoner Szene war die Band viel beachtet, erfolgreich war sie nie. Nach dem dritten Album „Unicorn“ zerstritten sich Bolan und Took und trennten sich schließlich. Bolan wollte ein Rockstar werden, Took driftete in die linke politische Szene ab.

„A Beard Of Stars“, das vierte und letzte Album unter dem Namen Tyranosaurus Rex führt bereits Mickey Finn als Musiker auf, obwohl bis heute nicht klar ist, ob und auf welchen Songs der neue Partner überhaupt mitgespielt haben soll. Erstmals greift Bolan hier zur elektrischen Gitarre und spielt das überragende „Elemental Child“ ein, das man wohl als die musikalische Geburt der T. Rex bezeichnen kann. Das war 1970.

Dann kam das erste Album der T. Rex mit dem gleichnamigen Titel. Und die Single-Auskopplung „Ride a white swan“. Der Rest ist Musikgeschichte (siehe oben), aber eben nur Teil 2 der Story.

Die populären T. Rex waren meine erste Lieblingsband. Mit den Tyrannosaurus Rex entdeckte ich die unpopuläre Musik. Beiden bin ich treu geblieben.

Mickey Finn starb 2003 an den Folgen jahrelangen Drogenmissbrauchs, er wurde 55 Jahre alt. Steve Took starb 1980 im Alter von 31 Jahren. Er verschluckte sich an einer Cocktailkirsche.