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Urlaubslektüre – Reisen in die Vergangenheit

Gleich drei Buch-Empfehlungen für die Liege am Pool, das Badetuch am Strand oder wo immer man sonst dazu kommt, im Urlaub zu lesen: eine Biografie über einen Schriftsteller, der aus seinem Leben und seinen Liebschaften erstklassige Literatur machte; ein unsachliches Sachbuch über Angie, Lola, Suzanne und diejenigen, die sie besungen haben; und ein Krimi über den merkwürdigen Mord an einen Ex-R.A.F.-Terroristen, der einen türkischen Ex-Polizisten und eine deutsche Psychologin zusammenführt. Allesamt: Reisen in die (eigene) politische, musikalische und literarische Vergangenheit.

„KPD“ lautete bezeichnenderweise das Kürzel und der Nickname von Klaus-Peter Darius in den 70er Jahren, als er eine Rote Zelle im Umfeld der R.A.F. anführte, Banken ausraubte und in den „Untergrund“ ging. 30 Jahre später meldet sich dieser KPD bei Murad Çelik in Istanbul und bittet ihn, der Deutschland als Teenager im „heißen Herbst“ 1977 gemeinsam mit seiner Mutter Hals über Kopf verlassen hat, dringend nach Köln zurück zu kommen.

Was KPD nicht weiß: Çelik hat Frau und Kind bei einem Erdbeben in der Türkei verloren und nur seine Mutter retten können, die seitdem im Koma liegt. Er leidet an einem schweren Trauma, kann sich nicht mehr lange in Gebäuden aufhalten und musste seinem Beruf aufgeben. Çelik war Polizist bei der Mordkommission in Istanbul.

Was Çelik nicht weiß: KPD war der Liebhaber seiner Mutter. Als Çelik nach Köln kommt, findet er KPD tot in seiner Wohnung. Erschossen. Eine letzte Nachricht konnte er noch auf ein Diktiergerät röcheln: irgendwas von seiner Tochter, die ihren Vater nicht kennt und die Çelik unbedingt finden müsse – Ines Pelzer, Psychologin, spezialisiert auf die Arbeit mit Autisten.

So fangen Krimis an. Sie verstricken einen möglichst schnell in eine Handlung, aus der man, ohne weiter zu lesen, bis zur letzten Seite nicht wieder heraus kommt. So „hanebüchen“ vieles zunächst auch klingen mag – es schreit nach einer Aufklärung (und natürlich nach der Beantwortung der Frage, ob die beiden, Çelik und Pelzer, sich im Laufe des Buches auch im übertragenen Sinne „finden“ werden.)

Das besondere an „ Çelik & Pelzer“ ist nicht nur die Mischung aus Krimi, Politik und Psychologie, sondern auch die Geschichte hinter der Geschichte: Das Buch ist aus der Hörspielreihe SKI (Serie Krimi International) entstanden, die der Journalist Ulrich Noller für den WDR entwickelt hat. Sein kongenialer Partner, Gök Senin, ist neu im Krimigeschäft, aber ein begnadeter Erzähler. Im „bürgerlichen Leben“ ist er Redaktionsleiter bei Phoenix.

Beiden gelingt es, einen Teppich aus Gesellschafskritik, Lokalkolorit und Seelenstriptease zu weben, auf dem man es sich als Leser so richtig gemütlich machen kann. Neu ist dabei auch eine besondere Mischung aus objektiver und subjektiver Erzählweise. Neben dem Erzähler kommen zwischendurch auch Çelik und Pelzer und sogar der Mörder selbst zu Wort, ohne dabei den Handlungsfluss zu unterbrechen. Im Gegenteil. Die Autoren kontrollieren damit geschickt das Tempo der Handlung und versetzen den Leser in die komfortable Situation, mehr zu wissen als die handelnden Personen, ohne die Auflösung zu kennen.

Die wird natürlich auch hier nicht verraten. Nur soviel: Çelik & Pelzer kommen sich näher, als ihnen möglicherweise lieb ist.

Patty Boyd ist die erste und einzige Frau, für die gleich zwei Rockstars insgesamt drei Songs geschrieben haben: zuerst George Harrison „Something“ und als Eric Clapton seinem Freund George die Freundin ausgespannt hatte, widmete er ihr seine Songs „Layla“ und „Wonderful tonight“. Trotz der Dreiecksbeziehung blieben die beiden Männer gute Freunde. Patty ließ sich später von dem einen (Eric Clapton) scheiden und trauerte dem anderen (George Harrison) nach. Beatle George war allerdings auch kein Kind von Traurigkeit und hatte u.a. Affären mit den Partnerinnen von Ronnie Wood und Ringo Starr.

Sodom und Gomorra? Mitnichten! – Geschichten aus dem Bestseller „Das Mädchen aus dem Song“ von Michael Heatley.

Alphabetisch geordnet nach Musiktiteln – von Angie (Rolling Stones) über Maggie May (Rod Stewart) bis Wonderwall (Oasis) – recherchierte der Autor die Geschichten von 50 Rock-Klassikern, die für real existierende Mädchen komponiert und getextet wurden. War mit „Angie“ etwa Angela, die Frau von David Bowie gemeint? Angela und David führten eine sehr offene Ehe und zumindest von ihr weiß man, dass sie beiden Geschlechtern zugetan war. Dies wird David Bowie zwar auch oft nachgesagt, ist aber ebenso wenig bewiesen wie die Behauptung, dass Angela ihren Mann mit Mick Jagger im Bett erwischt hat. Hat Mick den Song „Angie“ also für Angela Bowie geschrieben? Es ist zumindest eine von drei Möglichkeiten, die Heatley für sein Buch recherchiert hat, obwohl seriöse Recherche nicht unbedingt zu den Stärken des Autors zählt, der bereits für zahlreiche Musikerbiografien verantwortlich zeichnet. So manche Geschichte in „Das Mädchen aus dem Song“ klingt denn auch arg nach Zweitverwertung. Durchaus clever!

Trotzdem macht das Buch Spaß, denn es ist nicht nur voll von Klatsch & Tratsch und vielen schönen Fotos, sondern gibt am Rande auch noch Informationen zu den Musikern und Bands, die der interessierte Leser vielleicht noch nicht kannte.

Zum Beispiel die, dass Serge Gainsbourg „Je t’aime, moi non plus“ eigentlich für Brigitte Bardot geschrieben hat, mit der ihn eine leidenschaftliche Affäre verband und die ihn eines Tages bat, „das schönste Liebeslied der Welt“ für sie zu komponieren. Der Song, der sich musikalisch sehr eng an „A whiter shade of pale“ von Procol Harum anlehnt, wurde von den beiden auch gemeinsam eingespielt. Erst als Gerüchte aufkamen, dass es während der Aufnahme tatsächlich zu einem Liebesakt der beiden gekommen sei, ließ Noch-Ehemann Gunter Sachs die Veröffentlichung verbieten. Die später veröffentliche und allseits bekannte Version spielte Gainsbourg mit Jane Birkin ein, einer englischen Schauspielerin (bekannt aus dem Kultfilm „Blow up“ von Michelangelo Antonioni), die zum damaligen Zeitpunkt kaum Französisch sprach.

Was das Verbieten anging, befand sich Playboy Sachs übrigens in guter Gesellschaft: Königin Juliana von Holland verbot die Pressung der Platte in ihrer Eigenschaft als Gesellschafterin des holländischen Medienkonzerns Philips, bei dessen Plattenfirma Fontana das Lied ursprünglich erscheinen sollte. Das kleine irische Independant-Label „Major Minor“ hatte dagegen keine Bedenken, erwarb die Lizenz und wurde reich damit.

Gesundes und manchmal auch gefährliches Halbwissen zum Lesen, Amüsieren und Weitererzählen. Genau das richtige für einen heißen Sommertag mit iPod am Pool. Bleibt die Frage: Wann gibt es die CD zum Buch?
 

Zum 100. Geburtstag des Schweizer Schriftstellers habe ich mich in unserem Blog ja bereits geäußert. Aber die Biografie von Volker Weidermann, dem Feuilleton-Chef der FAZ-Sonntagszeitung, ist es wert, noch einmal gesondert besprochen zu werden.

„Biografie – ein Spiel“ lautet der Titel des letzten Stückes, das Max Frisch 1968 geschrieben hat. Es behandelt die oft erträumte Möglichkeit, alles im Leben (mit dem Kopf von heute!) noch einmal anders machen zu können. Noch einmal vor den Gabelungen zu stehen, an denen man den falschen Weg eingeschlagen hat, das ewige „hätte, wenn und aber“ seines Daseins korrigieren zu können. Wer Max Frisch kennt, weiß wie es ausgeht … ausgehen muss: Wir würden alles wieder genauso machen. Wir können nicht anders.

Biograf Weidermann vergleicht Frisch’s Stück mit der Filmkomödie „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Was bei Frisch allerdings fehlt ist das Happy End, die Befreiung aus dem eigenen, selbst gewählten Schicksal. Und wie immer hat der Schriftsteller in „Biografie – ein Spiel“ seine ureigensten Identitätskonflikte zu Literatur gemacht. Weit weniger distanziert als beispielsweise Thomas Mann, der zwar auch nur von sich selbst und den Seinen schrieb, sich dabei aber größte Mühe gab, sein Leben (und seine Leidenschaften) in seinem Werk zu verklausulieren. Mit großem Erfolg.

Max Frisch scheitert in jungen Jahren damit. Seine ersten literarischen Versuche aus den 30er Jahren sind eher peinlich. Nicht zuletzt ihm selbst. Genauso wie der frühe Patriotismus für seine Heimat, die Schweiz, der sich später ins extreme Gegenteil verkehren wird. Biograf Weidermann widmet sich ausführlich dieser Zeit, die Frisch, so hat man den Eindruck, am liebsten hätte vergessen machen wollen. Aber er konnte nicht anders. Biografie – ein Spiel.

Zwar liebevoll, aber ebenso unerbittlich zeigt Weidermann die Brüche in Frischs Biografie auf, die Risse, die er nicht zuletzt in seiner Familie hinterlässt, von der er sich nach den ersten großen Erfolgen als Schriftsteller in den 50er Jahren trennt. Die Kehrseite einer nach außen beeindruckenden Konsequenz, mit der Frisch seinen Weg – zunächst als Dramatiker, später als Romancier geht – und dabei auch die intimsten Details seiner Beziehungen in seinen Büchern „ausschlachtet“. Insofern ist der Titel der Biografie von Volker Weidermann („Sein Leben, seine Bücher“) gut gewählt. Frischs Leben sind seine Bücher. Und umgekehrt.

Nicht wenige bezeichnen Max Frisch im übertragenen Sinn als „Mörder“ der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, mit der er Anfang der 60er Jahre in Rom eine leidenschaftliche Beziehung hat, die letztlich an seinen Eifersuchtsanfällen scheitert. Bachmann leidet noch Jahre später an dieser Beziehung und wie Frisch sie in seinem Roman „Mein Name sei Gantenbein“ öffentlich vorführt. Sie wird ihres Lebens nicht mehr froh und stirbt unter mysteriösen Umständen bei einem Brand 1973 in ihrem Haus in Rom. Da ist Frisch längst mit der 28 Jahre jüngeren Marianne Oellers verheiratet, die Ingeborg Bachmann ihm seinerzeit sogar noch selbst vorgestellt hatte, und die er ein Jahr später, 1974, mit Alice Locke-Carrey betrügt, einer 32 Jahre jüngeren Journalistin aus New York.

Während Oellers sich noch dagegen verwahrt, als literarisches Material herzuhalten, entsteht aus der Affäre mit Locke-Carrey das wohl beste Buch von Max Frisch: „Montauk“ (1975). Bis auf den Namen seiner Geliebten (im Buch heißt sie Lynn) macht Frisch sich nicht einmal mehr die Mühe, etwas zu verändern. Und schreibt so gut wie nie zuvor – und nie wieder danach. Je näher Frisch bei sich bleibt, desto besser ist er. Montauk ist im Grunde eine Autobiografie, die als Erzählung daher kommt.

Diese Ambivalenz des Autors findet sich auch in seinem Biografen wider. Er ist hin- und hergerissen von seinem „Objekt“. Deshalb ist Volker Weidermanns Max Frisch-Biografie auch nicht die übliche Lobhudelei zum Jubiläum, sondern selbst ein Stück ausgezeichneter Literatur.