Werbung Osnabrück


Nägel mit Köpfen

Heinz Kettler gehörte wohl zu den letzten Unternehmern vom Schlag eines Max Grundig oder Josef Neckermann. Nachkriegs- und Gründergeneration. Vom Ein-Mann-Betrieb zum Global Player. Uns gefiel seine Werbung nicht.


Das klingt überheblicher als es ist. Wir sahen die wie „selbstgestrickt“ anmutenden Kettler-Anzeigen in Programmzeitschriften, Nachrichten- und Wirtschafts-Magazinen. Und wir hatten eine Idee, wie man sie besser machen könnte. Das behaupteten wir jedenfalls. In einem persönlichen Brief an Heinz Kettler. Tatsächlich hatten wir noch keine einzige Idee. Aber wir konnten uns auch im Traum nicht vorstellen, dass sich ein Heinz Kettler jemals bei uns melden würde.

Tags darauf rief er an; und verlangte uns am gleichen Tag noch zu sehen.

Wir schafften es gerade noch, den Termin auf den nächsten Vormittag zu legen. Den Rest des Tages (und der darauffolgenden Nacht) arbeiteten wir an den versprochenen Ideen für Kettler.

Am nächsten Morgen fuhren wir ins sauerländische Ense-Parsitt. Zu Kettler. Der Unternehmer empfing uns in einem (vornehm ausgedrückt) rustikal eingerichteten Konferenzraum und wir präsentierten ihm unsere Ideen.

Unter anderem eine doppelseitige Anzeige. Links diverse Fitness-Geräte, rechts ein Multifunktionsgerät, das die einzelnen Geräte in einem einzigen integrierte. Beide von Kettler. Links texteten wir „Die Qual der Wahl.“ Und rechts „Die Wahl der Qual.“ Das gefiel ihm.

„Das ist gut, das können wir so machen.“ – „Das gefällt mir nicht.“ – „Das ist nicht schlecht, aber da ist noch keine Musik drin.“ Kurze, knappe Kommentare. Keine Diskussion. Nach einer halben Stunde waren wir wieder draußen. Und hatten einen neuen Kunden.

„Zwischen den Jahren“ – die Agentur hatte geschlossen, aber wir waren trotzdem da – rief er uns an, um „Nägel mit Köpfen“ zu machen. Auch Kettler hatte Weihnachtsferien, aber auch er hatte sich ins Büro geflüchtet. Und langweilte sich.

Wir fuhren hin. Pullover statt Anzug.

Das Verwaltungsgebäude war geschlossen, aber er sah uns, als wir kamen. Wir entdeckten ihn hinter einer Gardine im zweiten oder dritten Stock. Er kam runter, um uns aufzuschließen. Da seine Sekretärin frei hatte, konnte er uns keinen Kaffee anbieten (er konnte keinen kochen) und öffnete statt dessen ein rustikale Schranktür in seinem Büro, holte einen Wein vom eigenen Weinberg heraus, fand ein paar Probiergläser, schenkte uns ein und wir machten: Nägel mit Köpfen.

Danach machten wir Werbung für Kettler und entwickelten den Dachmarken-Slogan „Freizeit Marke Kettler“.

Wenn wir nach Geld fragten, griff er in seine Batzentasche, legte ein dickes Portemonnaie auf den Tisch, zog einen verknitterten Scheck heraus und fragte: „Was braucht ihr?“ Wir nannten ihm die Summe (niemals hätten wir es gewagt, einen zu hohen Betrag zu unseren Gunsten zu nennen) und er füllte den Scheck aus. Bevor er ihn uns geben konnte, stürzte noch seine Sekretärin herein und rief: „Halt, ich muss den erst noch kopieren!“

Drei Jahre lang stellten wir uns jede Saison dem Wettbewerb mit der hauseigenen Werbeabteilung von Kettler, die uns verständlicherweise nicht besonders mochte, aber schließlich für die schlechte Werbung verantwortlich war, die uns erst auf die Idee brachte, Heinz Kettler zu schreiben.

Zwei Mal gewannen wir, ein Mal die Werbeabteilung. Im vierten Jahr hatten wir keine Lust mehr auf dieses Spielchen. Ein letztes Mal stellten wir uns noch dem Wettbewerb – und gewannen. Mit dem Lieblingsslogan von Heinz Kettler, den er selbst getextet hatte und den wir für ihn dramatisch in Szene setzten: „Satteln Sie um auf Aluminium!“

Ein Jahr später meldeten wir uns nicht mehr.

Eine „Kalt-Akquise“ wie bei Kettler haben wir seitdem auch nicht mehr gemacht. Warum eigentlich nicht? Es gibt sie doch noch, die gestandenen Unternehmer, oder?